Hellmuth Costard und sein neuer Film „Der kleine Godard“

Von Hans C. Blumenberg

Da sitzt ein Mann und schreibt einen Brief. Das geht nicht schnell, das dauert fast einen ganzen Film lang. Man merkt dem Mann an, wie wenig ihm diese Arbeit behagt, man sieht und hört, wie er um Formulierungen kämpft, Sätze wiederholt und verändert, durchstreicht, ergänzt. Manchmal verheddert er sich so heillos, daß er hilfesuchend in eine der vier Kameras schaut, die seinen Kampf mit den Wörtern aufzeichnen. Die Einstellungsgröße wechselt häufig – mal sitzt der Mann in einer Halbtotale hinter seinem Schreibtisch, mal ist nur sein Hinterkopf zu sehen und selbst der windet sich langsam aus dem Bild.

Ein alltäglicher und zugleich höchst dramatischer Vorgang, im Selbstversuch vorgeführt von einem Filmemacher, der davon träumt, „Spielfilme vollkommen phantasielos zu drehen“: „... den ungestörten Ablauf der Ereignisse als perfekte Inszenierung auszunutzen: – die Arbeit mit mehreren Kameras, um mit den Mitteln der Montage, mit Schnitt und Gegenschnitt den Eindruck einer Inszenierung zu erwecken: dem Zuschauer die durchschaubare Illusion anbieten, er befinde sich in einer Geschichte“.

Der Mann, der den Brief schreibt und sich dabei selber beobachtet, der eine dokumentarische Situation in eine Erzählung verwandelt, heißt Hellmuth Costard, und er ist Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller („Der Antragsteller“) eines Films mit dem Titel „Der kleine Godard“. Nur der Drehbuchautor ist er nicht, denn der existiert nicht in Costards Versuch einer Synthese von Spiel- und Dokumentarfilm. Erst die unvorhergesehene Situation selbst erzeugt das dramatische Geschehen, dem durch den Einsatz mehrerer Kameras, die es von verschiedenen Positionen aus beobachten, eine unmanipulierte Wahrhaftigkeit erhalten bleiben soll. Erst die Montage der unterschiedlich großen, zur gleichen Zeit gedrehten Einstellungen fügt die „Handlung“.

Mut zum Wagnis

Das jedenfalls ist Costards Idee, für die er in seinem Brief – an das Kuratorium junger deutscher Film – mit ironischer Untertänigkeit Förderungsmittel erbittet: „Ich hatte mir eingebildet, daß man mir, bei entsprechender Bescheidenheit, meine versponnenen Forschungen – vielleicht finanzieren würde“. Doch der Forscher geht leer aus. Ein blinder Sekretär tippt den Ablehnungsbescheid in die Maschine, denn bevor das Kuratorium seine Subventionen verteilt, verlangt es „in der Regel ein Drehbuch“.