„Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft“, von Emile Benveniste. Der Titel dieses Sammelbandes ist insofern trügerisch, als Emile Benveniste keineswegs mit trockenen Abhandlungen über Sprachprobleme langweilt. Der Verfasser demonstriert in Theorie (und eigener Praxis), wie fruchtbar. Linguistik in Human-, Geschichts- und Literaturwissenschaft angewendet werden kann. Seine zum Teil sehr technischen Erörterungen greifen über das jeweilige sprachliche Objekt hinaus allgemeine Kulturprobleme auf. Obwohl einzelne dieser Arbeiten für das Deutsche nur beschränkt gültig sind, liest man die für die Textinterpretation wertvollen Essays mit Gewinn. Von dem in Paris tätigen Linguisten italienischer Herkunft stammt die vom Zufälligkeits-Charakter des sprachlichen Zeichens hergeleitete, für die moderne Ästhetik provozierende These, Form und Inhalt seien zwei voneinander unabhängige Größen. (Aus dem Französischen von Wilhelm Bolle; Syndikat Verlag, Frankfurt, 1977; 406 S., 20,– DM.) Jürg Altwegg

„Das neue Bewußtsein“, von Arthur Janov und E. Michael Holden. „Zum erstenmal seit Jahrtausenden menschlicher Existenz haben wir einen Weg zurück zu unseren Gefühlen und unserer Humanität gefunden. Endlich sind wir jener Techniken habhaft geworden, die den Menschen wieder human machen und dadurch die Existenz wirklich humaner Gesellschaften ohne Krieg, Ausbeutung, psychische Krankheiten und Verbrechen ermöglichen.“ Solche Sätze sind es gewiß nicht, die das neue Buch von Arthur Janov zum „Hauptwerk des Begründers der Primartherapie“ machen, zu dem es der Untertitel der deutschen Ausgabe erklärt. Das amerikanische Original trägt den neuen Menschen, den „Primärmenschen“ mit seinem „neuen Bewußtsein“ im Titel, aber diese Hoffnung nicht nur auf Heilung für den neurotischen einzelnen, sondern Erneuerung für die kranke, entfremdete Menschheit ist weder für das neue Buch spezifisch, noch wird sie hier konkreter entfaltet und solider begründet als in den früheren. Seine Bedeutung liegt vielmehr darin, daß es die Primärtheorie (früher traumatischer Schmerz führt zu einer Spaltung des Bewußtseins, die daraus resultierende Neurose kann nur durch intensives Wiedererleben und Reintegration der verdrängten Schmerzerfahrung geheilt werden) neurologisch untermauert (die entscheidenden Beiträge kommen da vom Co-Autor Holden, einem Neurologen) und durch die Unterscheidung mehrerer Bewußtseinsebenen differenziert; nebenbei erfährt man, daß auch die primärtherapeutische Technik sich gewandelt, die gewaltsamen Attacken auf das Abwehrsystem weitgehend aufgegeben hat. Die Fülle der neuen Akzente, der teils fragmentarische, teils hypothetische Charakter vieler Überlegungen und die mangelnde Systematik spricht eigentlich gegen die Annahme, dies, sei schon das Hauptwerk – sofern Pioniergeister wie Janov, denen ein einziger Grundgedanke Stoff genug für lebenslanges Weiterforschen ist, überhaupt „Hauptwerke“ schreiben. Etwas mehr Sorgfalt beim Übersetzen hätte nicht geschadet. (Aus dem Amerikanischen von Monika Kruttke; S. Fischer-Verlag, Frankfurt, 1977; 514 S., 48,– DM.)

Hans Krieger

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„Beruf: Hausfrau – Beruf: Dirne“ von manda Guiducci. „Sie behandeln ihre Frauen wie Dienstmädchen, sie pflügen ihre Körper um,-und hinterher toben sie sich bei den Huren aus und achten diese mehr als ihre Frauen ...“ Zwei Italienerinnen erzählen ihre Geschichte, die eine arbeitet als Hausfrau, die andere als Dirne. Jenseits der gesellschaftlichen Reputation: bei beiden Hoffnungs- und Auswegslosigkeit, finanzielle Abhängigkeit vom Mann, die für die Prostituierte, unvermischt mit Gefühlen, erträglicher scheint als die alltäglichen Liebesdienste der Ehefrau. Daß die Situation dieser Frauen „aus dem Keller der Gesellschaft – mit geringen Nuancen – keineswegs nur für italienische Verhältnisse gilt, macht die Geschichten lesenswert, obwohl die Oberflächlichkeit der subjektiven Berichte doch gelangweiltes Stöhnen (,das wissen wir doch schon’) provoziert. Ärgerlich ist der Anhang von Veit Mölter über „Die Frau in Italien“: die italienische Frauenbewegung und ihre gesamtgesellschaftliche Auswirkung werden auf sechs Seiten wie mit einer Planierraupe empirischer Zahlen plattgewalzt. (Aus dem Italienischen von Charlotte Jenny; Rogner & Bernhard Verlag, München, 1978; 117 S., 9,80 DM)

Manuela Reichart