Keine Fischer flicken mehr am Hafen ihre Netze, die nun höchstens noch als Bardekoration dienen. Fisch kommt tiefgefroren zusätzlich aus nordischen Ländern. Der Hafen wurde mit Gittern verstellt, in Zonen aufgeteilt und dient vor allem Containerschiffen.“ Stimmt man derart Ibiza- und Formentera-Touristen aufs Urlaubserlebnis ein? Soll denn tatsächlich im Reiseführer stehen: „Schwimmen unterhalb der Stadt verbietet sich von selbst, denn Müll wird im alten Fischerstadtteil immer noch gern, von den Behörden mehr oder weniger toleriert, die Klippen hinuntergekippt“?

In der DuMont-Reihe „Richtig reisen“ gehört derlei kritische Beobachtung zum Konzept. Sie will, laut Verlagsmitteilung, „gegen das konfektionierte Tourismusangebot Möglichkeiten eines individuellen erlebnisreicheren und interessanteren Reisens aufzeigen.“ Ursula von Kardorff und Helga Sittl, bereits erprobte Paris-Autorinnen dieser Reihe, sagen dasselbe sehr viel einfacher und prägnanter in ihrem neuesten Band:

Richtig reisen: Ibiza/Formentera, 248 Seiten, 52 farbige, 153 einfarbige Abbildungen, DuMont-Verlag, 29,80 Mark,

„Dieses Buch ist kein Reiseprospekt, kein Führer, der nur preist“, schreiben sie nämlich, „es betrachtet die Inseln mit kritischer Sympathie.“ Und darum soll in ihm nicht nur die Rede sein von „überwältigender Schönheit“, von „kristallklarem Wasser“, „großartigen Wohnsiedlungen“ und „dem lebenssprühenden Städtchen San Antonio“. „Sondern auch und nicht zuletzt“, meinen die Autorinnen, „von verbauten Buchten, Abwässerproblemen und klotzigen Hochhaushotels, von Gewinngier und Spekulantentum.“

Ein Anspruch, der neugierig macht. „Nicht nur Schönheit und Gesundheit der Insel stehen auf dem Spiel, inzwischen sind auch ihr Charakter und ihre Würde bedroht“, lesen wir also über Ibiza. Und ein Zitat, ein weiteres aus der deutschen Zeitung „Ibiza Nachrichten“: „Mal kein Fortschritt, das wäre einer.“ Beifall, klar, ist solchen Sätzen gewiß. Aber was bringen sie dem Inselbesucher? – Nach der Lektüre des Reiseführers wissen wir es. Die kritische Bestandsaufnahme schärft nicht nur das Bewußtsein für das Land, das man betreten hat, es erzeugt auch Respekt, mehr Ehrfurcht vor Dörfern, Menschen, Bäumen, Pflanzen, Tieren. Der Reisende – und sei’s einer für 448 Mark die Woche Ibiza und zurück –, er lernt die Insel lieben, weil er gelernt hat, auch mit ihr zu leiden.

Denn bei aller knallharter Information vergessen die Autorinnen nicht die Schönheit, die kargschlichte wie die sanft-bezaubernde, die ganz eigene, unbeschreibbare Wirkung dieser Inseln einzufangen. Sie verlieren sich dabei auch nicht – gefährliche Neigung aller alten Ibiza- und Formentera-Freunde – in nostalgischen Schwärmereien längst überholter Einsamkeiten („Vor zehn Jahren stand hier noch nichts“).

Das lebenslustig überschäumende Ibiza mit seinen Hippie-Märkten und Jet-Set-Marotten („War Gunther Sachs da, oder war es nur Philip Junot?“) lernen wir schließlich genauso kennen wie die unberührt spröde, immer noch unentdeckte Inselwelt. Und dies nicht etwa literarisch abstrakt, sondern handfest kulinarisch.