Von Eduard Neumaier

Zwei Namen verkörpern Glanz und Elend der kroatischen Nation: Josip Broz, der Welt unter seinem Kriegsnamen Tito bekannt, ist ihr Juwel; der andere, Hitlers Verbündeter, der Ustascha-Chef Ante Pavelić, gilt als ihr Auswurf. Der eine ist Symbol der Einheit des jugoslawischen Neun-Völker-Staates, der andere, obwohl längst tot, Synonym der Zerstörung Jugoslawiens. Die Hinterlassenschaft des Toten ist noch immer die Sorge des Lebenden.

Kroatien, nach Fläche so groß wie Nordrhein-Westfalen und Hessen zusammen, mit 4,5 Millionen Einwohnern zweitgrößte der sechs Republiken und zweitstärkste Nationalität, ist im jugoslawischen Gesamtstaat eine argwöhnisch belauerte Größe. Hinter dem kroatischen Nationalismus steckt die Sehnsucht nach Unabhängigkeit, nach mehr Autonomie – seltener jedoch nach einem eigenen Staat, wie er unter der Ägide Hitlers in den Kriegsjahren bestand. Doch die kurze historische Erfahrung einer kroatischen Selbständigkeit ist durchaus geeignet, die Vertreter des jugoslawischen Bundesstaates zu erschrecken, so wie die jüngsten nationalistischen Ausbrüche in Kroatien durchaus Angst vor unberechenbaren Folgen zeitigen können.

Das jugoslawische Trauma rührt vom „kroatischen Frühling“ her, der das Land 1971 in eine tiefe Krise stürzte. Jene Entwicklung hatte Jahre davor mit Kritik an serbischer Vorherrschaft begonnen, dann auf das Feld der Wirtschaft übergegriffen, auf dem sich Kroatien benachteiligt und ausgenutzt fühlten, und plötzlich stand das Schicksal kroatischer Volksgruppen in anderen Republiken zur Diskussion. Von da war es nicht mehr weit bis zur Kritik am Unitarismus, bis zur Forderung nach innerer Liberalität. Das Empfinden, die kroatische Sprache werde diskriminiert, kam hinzu – ein Kampf der nationalen Kulturen schien sich abzuzeichnen, der auf dem Balkan so oft zu existenziellen Krisen geführt hat.

Die damalige Parteiführung, an der Spitze eine rassige Frau, Savka Dabčević-Kučar, und das Führungsmitglied Tripalo, galten als kroatische Dubček. Sie hatten die Massen hinter sich, vor allem die Studentenschaft. Der Geist, der von der kroatischen Hauptstadt Zagreb (früher: Agram) ausging, infizierte bald auch andere Republiken. In Belgrad, dem Zentrums Serbiens, kam es zu Studentenunruhen; in Makedonien wurde die Forderung nach Pluralismus laut; auch die serbische Partei, unter ihrem Vorsitzenden und früheren Außenminister Nikezič, wurde vom Virus der Liberalisierung befallen. Als kroatische Studenten forderten, Kroatien solle in den Vereinten Nationen vertreten sein, und der Ruf nach einer eigenen Armee aufkam, griff Tito zu: Am 30. November 1971 in einer dramatischen Sitzung im Schloß Karadjorjevo, ausgerechnet an einem Sitz der von den Kroaten gehaßten serbischen Dynastie der Karadjordjevic, begann die von Tito geleitete Säuberung. Die Parteiführer und etliche Dutzend Spitzenfunktionäre wurden gestürzt, ebenso viele festgenommen und noch mehr wegen nationalistischer Aktivitäten verurteilt.

Seither ist das Phänomen des kroatischen Nationalismus abgeebbt. In den Jahren bis 1975 wurden noch einige verurteilt, auch gab es Berichte und Gerüchte über Sprengstoffattentate. Von Zeit zu Zeit werden Verhaftungen bekannt: Vor ein paar Wochen wurden in Zagreb Studenten festgenommen, deren Vergehen jedoch im Verborgenen liegen. Ein Gerücht besagt, sie hätten Kontakte zu deutschen Terroristen unterhalten, ein anderes, sie seien Ustascha-Anhänger, ein drittes, sie hätten des zehnten Jahrestages der Belgrader Studenten-Demonstrationen gedacht.

Unmittelbare Beunruhigung über kroatische Probleme gibt es nicht. Im dieser Tage gewählten, auf 24 Mitglieder verkleinerten Parteipräsidium Jugoslawiens ist die Republik Kroatien entsprechend dem Staatenschlüssel mit drei Funktionären vertreten, im Zentalkomitee genau nach Proporz mit 20. Daß im Präsidium von den drei Kroaten einer allerdings Serbe ist (Dusan Dragusavac), scheint niemanden zu beunruhigen. Den Kroaten bleibt immer noch der Trost, daß Tito einer der ihren ist. Und ihm haben sie die Loyalität nicht verweigert.