Düsseldorf: „Carlo Battaglia – Giorgio Griffa“

Carlo Battaglia und Giorgio Griffa malen. Den Spuren ihrer nicht imitierenden, abstrakten, reinen Malerei geht die Düsseldorfer Kunsthalle jetzt in parallel laufenden Ausstellungen nach und verfolgt mit Bildern aus den letzten zehn Jahren den Weg der beiden Italiener zu einer Malerei, die nichts abbildet, sondern nur ist, was sie ist: Malerei. Die des 1933 auf Sardinien gebotenen Carlo Battaglia ist bestimmt nicht zuletzt durch die „Pflicht zur Präzision“ und eine leuchtende und doch alles andere als bunte, schillernde Farbigkeit, realisiert in Linien, die die Bildfläche seiner letzten Arbeiten wie ein Meer gleichmäßig überziehen. „Spiegelung“ nennt Battaglia diese Bilder, die nicht die Darstellung, sondern Konstruktion einer Welt ansteuern und dabei Ausschnittcharakter haben – wie auch die bemalten Leinwände des 42jährigen Giorgio Griffa, der gleich Battaglia vorrangig horizontale Linien zeichnet/malt In der Regel beginnt er mit diesen Linien links oben, schreibt/malt sie wie Buchstaben weiter und bricht dann plötzlich ab – „unfertige Bilder“ nennt Griffa seine Gemälde, die bis auf eine frühe, noch auf einen Rahmen gespannte Arbeit lose an den Ausstellungswänden hängen und Freiräume lassen für die Phantasie, offen bleiben, keine „Vollkommenheit“ anstreben. Für Griffa ist das Bild „nur die Spur eines Vorgangs, und es wäre willkürlich, ihm eine Ganzheit zuzuschreiben, die es nicht haben kann“. Und: „Ich habe die Zeit nicht, meine Arbeiten zu beenden. Ich kann die Farbe nicht bis zum Ende auf die Leinwand auftragen, weil das Leben inzwischen weiterging.“ Und differenziert führen die unfertig gelassenen Bilder auch den, der sich auf sie einläßt, von der Kunst zum Leben, laden ein, die Zeichen der Malerei zu sehen, die Freiräume zu füllen und, wie Battaglia schreibt, „die Natur wieder (zu) betrachten“ – die Natur des Bildes, die Realität hinter den Dingen. (Kunsthalle bis 16. Juli, Kataloge je 8 Mark). Raimund Hoghe

München: „Giovanni Segantini“

Im Frühjahr 1975 erhielten zwei junge Kunsthistoriker vom schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft in Zürich den Auftrag, eine didaktische Wanderausstellung über Giovanni Segantini zu konzipieren, die in Kantinen oder Einkaufszentren gezeigt werden sollte, sich also nicht an das Publikum der Museen wendete. Ein Schweizer Konzern hatte sich bereiterklärt, die Dokumentation im wesentlichen zu finanzieren, aus den Mitteln einer kulturellen Stiftung. Mit dem Ergebnis allerdings war der Geldgeber nicht einverstanden, er lehnte die Realisierung des Konzepts ab, das ihm zu sehr linksgestrickt war. Das schweizerische Institut für Kunstwissenschaft hat daraufhin die beiden Autoren entlassen und eine zweite Fassung hergestellt, die sich ebenfalls an ein kunstungewohntes Publikum richtete, jedoch gesellschaftskritische Stolpersteine aus dem Wege räumte. Mit Unterstützung öffentlicher, offenbar doch unabhängigerer Institutionen, ist es gelungen, das abgelehnte Projekt doch noch zu verwirklichen. Beide Versionen sind nun in München gleichzeitig zu sehen: „Segantini – ein verlorenes Paradies?“ die anstößige Dokumentation im Kunstverein; „Die Welt des Giovanni Segantini“ die offizielle Fassung im Museum Villa Stuck (und dazu Zeichnungen des Künstlers). In vielen Punkten gehen die Ausstellungen einträchtig nebeneinander her – unbestritten ist, daß Segantini sich aus der Stadt in die vermeintlich unberührte Alpenlandschaft zurückgezogen hat, daß er in seiner Kunst der Verkünder einer Harmonie war, daß seine Weltflucht gekoppelt war mit einer merkwürdig ambivalenten Moral. Bei der Interpretation von Leben und Werk des Künstlers hört die Übereinstimmung jedoch auf, hier stehen sich zwei unterschiedliche Konzepte gegenüber. Die zunächst verworfene Fassung verbindet die Stationen der Karriere des 1858 geborenen Künstlers mit der Höhenangabe seiner Wohnorte (ein Gag, aber anschaulich) – „immer höher – immer berühmter“. Er stand bei seinem Tod im Jahre 1899 auf dem Gipfel in des Wortes doppelter Bedeutung. Immer weiter entfernt von den Niederungen der Industriegesellschaft entwarf er in lichten Höhen das Wunschbild einer Welt in Übereinstimmung mit der Natur. Segantinis Rückzug aus dem technischen Zeitalter wird als Symptom gewertet. Die Ausstellung verweist auf die Natursehnsucht unserer Tage und fragt nach dem Grund damals wie heute. Die Unwirtlichkeit der Städte wird genannt und das Reklameversprechen von Freiheit jenseits vom Alltag. – Die Dokumentation argumentiert unverbindlich historisch, vergleicht Segantinis Suche nach dem reinen Leben mit der Gaugins. Sie ordnet Segantinis kultisch überhöhtes Bild der Frau als gutes Muttertier und seine moralisierende Darstellung der bösen Wollust ein in die kunstgeschichtlichen Zusammenhänge der Zeit – auf der anderen Seite werden die weiblichen Besucher aufgefordert, sich Gedanken zu machen über die sozialen Probleme der Mütter und Fragen der sexuellen Doppelmoral. Das Werk eines Künstlers von gestern hier präsentiert als Anstoß zu eigenem Nachdenken, dort als Information über die Vergangenheit. Beides ist legitim, wenn auch nicht gleichermaßen opportun. („Die Welt des Giovanni Segantini“ bis 9. Juli, Katalog 13 Mark; „Segantini – ein verlorenes Paradies?“ bis 16. Juli, Katalog 12 Mark).

Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Essen: „Götter – Pharaonen“ (Villa Hügel bis 17. September, Katalog 16 Mark)