Touristen sind für die Konsulate ein schwieriges und nicht immer gern gesehenes Publikum

Von Nina Grunenberg

Die Touristen sehen es so: Verhätschelt von Geld und Privilegien, verwöhnt von einem Leben mit zollfreiem Whisky im goldenen Käfig, sind deutsche Diplomaten im Ausland eine Kaste von Müßiggängern, die sich ein Vergnügen daraus machen, gestrandete Landsleute zu schikanieren. Daß ein Konsul sich zu freuen hat, wenn sie zu ihm kommen, betrachten sie nicht als Gunst, sondern als ihr gutes Recht.

Die Diplomaten sehen es anders. Es beginnt damit, daß sich alle diejenigen, die in den Rechts- und Konsularabteilungen der Botschaften arbeiten, als die am meisten verleumdeten Angehörigen des Auswärtigen Dienstes empfinden. Ihre Gefühle werden exemplarisch von jenem Legationssekretär in Kairo ausgedrückt, der seine Tage damit verbringt, sich mit deutschen Touristen und Reiseveranstaltern herumzuschlagen und dabei schon ziemlich alle Illusionen seines jungen Diplomatenlebens verloren hat: "Die deutschen Touristen", befand er kategorisch, "gehören zum schwierigsten Publikum – und zum ängstlichsten im Ausland. Unterhaltungen mit Kollegen aus anderen Botschaften haben das nur bestätigt. Die Deutschen meinen, ihre Botschaft sei ein Mädchen für alles, aber nicht eine Behörde, was sie nun mal ist. Sie scheren sich einen Teufel um Paragraph 5 des Konsulargesetzes, aus dem hervorgeht, daß Selbsthilfe immer noch die schönste Hilfe ist. Erst wenn die nicht mehr möglich ist, kann ein Konsul nach den Bestimmungen des Bundessozialhilfegesetzes weiterhelfen. Weil unter diesen Bedingungen viele Wünsche unerfüllt bleiben, muß ich mich einen Cocktailtrottel nennen lassen, der das Geld der Steuerzahler im Ausland verpraßt."

Jeder deutsche Diplomat hat irgendwann einmal in der Rechts- und Konsularabteilung einer Botschaft gesessen und deutsche Landsleute seelisch, moralisch und finanziell verarztet. Keinem von ihnen fällt es schwer, abstruse, haarsträubende, meistens nur traurige Geschichten aus dem Touristenleben zu erzählen. Die makaberste, die ich hörte, war die Geschichte vom Hindu-Grill.

Ein junger Diplomat, in Ostafrika auf seinem ersten Posten, erhielt eines Tages von den Behörden des Landes die Meldung, ein einmotoriges Flugzeug, von einem deutschen Ehepaar für einen Rundflug über den Busch gemietet, sei vermißt, wahrscheinlich abgestürzt. Pflichtgemäß benachrichtigte er die Angehörigen des Ehepaares in der Bundesrepublik, die nur darum baten, ihnen Bescheid zu sagen, wenn Näheres bekannt sei. Erst Monate später wurde die Absturzstelle gefunden, die Überreste der Leichen in die Hauptstadt transportiert. Der Beamte mußte sie identifizieren und fragte nun bei den Angehörigen an, ob die Leichen in die Bundesrepublik überführt werden sollten? Antwort: Es genüge, wenn die Botschaft die Urnen schicke.

Rücktransport frei Haus