Kiel

Es kann hier jeden Tag wieder losgehen“, Lars Hennings von der Bürgerinitiative Umweltschutz Unterelbe, Bereich Brokdorf, befürchtet Schlimmes. Knapp ein Jahr nach dem vom Oberverwaltungsgericht Lüneburg verhängten faktischen Baustopp beginnt sich „hinterm Zaun von Brokdorf hier und da etwas zu regen“. Vor zwei Wochen erst gaben die Umweltschützer Großalarm. Mehrere Fahrzeuge des Elektrizitätsunternehmens Nordwestdeutsche Kraftwerke (NWK) waren auf das Gelände gekommen. Doch es geschah nichts. „Das war wohl nur eine Führung oder ähnliches“, meint Lars Hennings. Und er läßt keinen Zweifel daran, daß in Brokdorf nichts geschieht, was den Beobachtern der Bürgerinitiative entgehen könnte.

In der Tat deutet vieles darauf hin, daß spätestens im Herbst Brokdorf wieder ein Thema für die Öffentlichkeit wird. Dann nämlich wird das Landesverwaltungsgericht in Schleswig voraussichtlich die Hauptverhandlung über die erste Teilerrichtungsgenehmigung führen. Der von Lüneburg verfügte Baustopp bezieht sich nur auf den sofortigen Beginn. Winfried Günnemann, Rechtsanwalt in Hamburg, arbeitet in diesen Wochen an der Klagebegründung. Mehrere Gemeinden und Einzelpersonen sind gegen den Bau der Brokdorfer Anlage vor Gericht gezogen. Erklärtes Ziel: „Macht den Bauplatz zur Wiese.“

Vor allem die radiologische Belastung der Umwelt durch das Werk im Vollbetrieb sowie die Störfälle in Krümmel und Brunsbüttel sind für Anwalt Günnemann wichtige Begründungen für die Klage. Auch die Umweltschützer sind durch den Fall Brunsbüttel „wieder stärker motiviert“. Allerdings, so erklärt Lars Hennings, sei in den vergangenen Monaten viel Kleinarbeit im stillen geleistet worden.

Zentrale Forderung der Umweltschützer: Die Katastrophenschutzpläne sollen veröffentlicht werden. Das Beispiel Brunsbüttel, wo nicht einmal der Bürgermeister rechtzeitig über die Störung informiert gewesen sei, lasse den Schluß zu, daß es ein funktionsfähiges Konzept überhaupt nicht gebe. In einer Broschüre haben die Umweltschützer Belastungstabellen aufgestellt. Danach würde es im Unterelberaum bei Austreten einer Menge von zehn Prozent des radioaktiven Inventars und bei normalen Windverhältnissen bis zu 30 000 Tote geben. Bei starken Nordwestwinden gar 50 000, die radioaktiven Wolken würden bis nach Hamburg wehen. Die Bürgerinitiative lehnt nach wie vor ein Kernkraftwerk in Brokdorf ab.

Die NWK indessen ist dagegen optimistisch. Ein Sprecher des Unternehmens verweist darauf, daß in allen bisherigen Gerichtsentscheidungen keine Bedenken gegen den Standort und die Notwendigkeit des Reaktors erhoben worden seien. Außerdem habe die NWK vor kurzem die Auflage des Lüneburger Gerichts erfüllt und einen prüffähigen Antrag für ein Zwischenlager in Arhaus in Nordrhein-Westfalen gestellt. Das Schlimme, so meint der Sprecher, sei, „daß wir jetzt von den politischen Entscheidungen in Hannover abhängen“. Allerdings bereite die NWK – wenn auch „auf Sparflamme“ – die Baustelle in Brokdorf weiter vor. Kosten durch die Verzögerung: pro Monat elf Millionen Mark.

Die Landesregierung in Niedersachsen hat inzwischen für das Projekt „Eingangs- und Endlagerung“ eine eigene Abteilung im Sozialministerium eingerichtet. Hier werde das Gesamtkonzept mit diversen Sachverständigen erörtert. Eines sei sicher: In diesem Jahr werde in Gorleben nicht mehr mit Probebohrungen begonnen.

Nach dem Lüneburger Richterspruch könnte nach Einleitung der Probebohrungen in Gorleben sofort mit dem Bau in Brokdorf begonnen werden. Im nächsten Jahr wird in Schleswig-Holstein allerdings der Landtag neugewählt. Sollte es dann zu einem Regierungswechsel kommen, wäre das Thema Brokdorf vorerst vom Tisch. Der SPD-Landesvorsitzende, Günter Jansen: „Wir wollen und werden ein Kernkraftwerk in Brokdorf verhindern. Die Vorgänge in Brunsbüttel belegen, daß augenblicklich niemand in der Lage ist, die Verantwortung für Atomenergie zu übernehmen.“ Rainer Burchardt