Von Christian Schmidt-Häuer

Duschanbe, im Juni

Die grau-braunen Hügelrücken ziehen vorbei wie eine träge Karawane auf dem Weg zum Dach der Welt, dem nahen Pamir. Wer beim Landeanflug auf Tadschikistan an die Provinz Transoxana im west-östlichen Diwan denkt, an die Züge Alexanders des Großen und Marco Polos, an die alte Seidenstraße von China an die Levante – den ruft die Aeroflot-Stewardeß mit weihevoller Stimme zurück. Ihre Informationen lassen nur den Schluß zu, daß man gleich im zentralen Museum der russischen Revolution landen wird: "In der sonnigen Stadt Duschanbe gibt es eine Lenin-Statue aus Bronze, eine Lenin-Bibliothek, einen Lenin-Platz, eine Lenin-Straße..."

Die Autonummern in der Lenin-freundlichen Hauptstadt dieser zentralasiatischen Sowjetrepublik erinnern allerdings an einen anderen Zeitgenossen: "STB" steht noch immer auf den Kfz-Schildern: Stalinabad. So hieß Duschanbe bis zum Tode des Diktators. Die Abkürzung wirkt wie ein symbolisches Siegel der administrativen Strenge, mit der in Zentralasien der Orient standardisiert worden ist. Sie erinnert an den Gewaltakt, mit dem hier materieller Fortschritt und sozialer Ausgleich gegen die militant beharrende Kraft des Islam durchgedrückt worden sind – wie nirgendwo außerhalb der Sowjetunion.

"Hier wandelt sich Asien gründlich", schrieb schon 1931 Egon Erwin Kisch aus Duschanbe. Sein Buch ist vergessen, doch die Prophezeiung hat sich erfüllt – wenn auch mit anderen Vorzeichen und Inhalten. Tadschikistan – wie auch die drei anderen zentralasiatischen Sowjetrepubliken Usbekistan, Turkmenien, Kirgisien – ist heute Orient mit Filter. Weder erschreckende Armut noch Hunger oder ungebührlicher Reichtum; statt Märchenvillen und Elendsquartieren genormte Wohnblöcke; statt bettelnder Kinderscharen uniformierte Erstklässler und Pioniere; statt orientalischer Basare mit überquellenden Angeboten, mit Handwerks- und Feinschmiede-Erzeugnissen nur begrenzte Kolchosmärkte mit Charme, Turban und Melonen – die landwirtschaftlichen Produkte in der Vorsaison so teuer, wie sie nur in der sozialistischen Planwirtschaft sein können.

Dafür sind aus den acht Betrieben am Ende der Zarenzeit über hundert Industriezweige geworden. Auf den von üppigem Grün überdachten Straßen erscheint das soziale Gefälle zwischen den Nationalitäten geringer als im jugoslawischen Kosovo: Tadschikinnen und Usbekinnen in heimischer Tracht aus der Konfektionsabteilung; junge Männer, bunt und betont adrett gekleidet; viele Wehrpflichtige in Uniform, überwiegend Russen.

Tadschikistan, mehr als halb so groß wie die Bundesrepublik, ist mit 3,7 Millionen Einwohnern (darunter 1,7 Millionen Tadschiken und 350 000 Russen) Moskaus Brückenkopf an der Nahtstelle zwischen Nahost und Fernost. Vor über hundert Jahren unterwarf Petersburg die Khanate des zentralasiatischen Raums. 1929 wurde Tadschikistan Sowjetrepublik. Grenzland zu China und Afghanistan ist es bereits, seit 1895 der englisch-russische Vertrag dem imperialen Drang des Zarismus nach Britisch-Indien und zum offenen Meer Einhalt bot.