Daß ein Buch so gut ist wie die Schreibfertigkeit oder das Sachwissen seines Autors, ist eine Binsenweisheit, auch wenn bisweilen der Lektor den Part des Autors übernehmen muß. Anders sieht es allerdings aus, wenn es gilt, Reiseführern gerecht zu werden. Diese Literaturspezies, die sich zu Recht als Handreichung versteht, kann nicht alleine vom literarischen Talent und von der Ortskenntnis ihrer Schreiber leben, wenn sie ihrem Selbstverständnis gerecht werden will.

Reiseführer müssen sich nach Interessen und den Bedürfnissen ihrer Leser ausrichten, wenn sie sich einen Anteil am wohlbesetzten Buchmarkt sichern wollen. Dementsprechend vielfältig präsentieren sich die Angebote in den Buchhandlungen. Da finden sich die „klassischen“ Reiseführer in der Tradition des Karl Baedeker, auf dem Wissensstand des Bildungsbürgers und dessen historischem Interesse basierend, mit Besichtigungsempfehlungen und -anleitungen, seriös, aber trocken, Daneben stehen feuilletonistische Schilderungen, manchmal geprägt von dem Wunsch, die Atmosphäre der geschilderten Region neben den nötigen Informationen zu vermitteln, bisweilen aber auch gezeichnet vom Selbstdarstellungswillen des Schilderers.

Eine Gattung der Führer folgt touristischen Routen, der andere Staatsgrenzen; einer hat spezifisch die Kunstwerke eines Landes zum Gegenstand seiner Schilderung gemacht, ein weiterer das Herbergsangebot oder die kulinarischen Offerten. Es gibt Führer für Autotouristen, für Wanderer, für Wassersportler, für Freikörperkulturfanatiker – die Aufzählung ließe sich beliebig verlängern.

Diesen inhaltlichen Kriterien stehen andere gegenüber: die von Aufmachung und Preis. Zumindest für die touristisch beliebtesten Gebiete der Erde gibt es unterschiedliche Reiseführer zur Auswahl, ausführliche und knappgehaltene, solche von handlichem Format und geringem Gewicht wie jene von weniger reisefreundlicher Ausstattung. Teure wie billige Bücher, wobei der billige Führer durchaus nicht immer der schlechtere sein muß es kommt auf den Zweck an, den das Buch zu erfüllen hat. Für einen schnellen, nicht auf Tiefgang angelegten Rundgang kann eine billige, stichwortartige 100-Seiten-Broschur durchaus genügen.

Für den Käufer eines Reiseführers bedeutet dies zweierlei; Er muß sich über seine eigenen Ansprüche im klaren sein und daran messen, welche Reiseführerreihe seinen Interessen entspricht und ihm zugleich zuverlässig Landschaften und Besuchsstätten schildert. Mit ihren neuen Spezialseiten für Reiseliteratur will die ZEIT-Reiseredaktion die Wahl der adäquaten Führer erleichern, die Sonderseiten werden viermal im Laufe jedes Jahres dem Reiseteil hinzugefügt. Auf ihnen stellen wir einen Teil der Neuerscheinungen vor, jeweils eine Reiseliteraturreihe soll zugleich „porträtiert“ werden. Dankbar sind wir auch für Leserzuschriften, die aus eigener Anschauung auf Irrtümer und Fehlinterpretationen in Reiseführern aufmerksam machen.

Ein Dollpunkt vieler Führer ist der mit „Informationen und Preisen“ oder ähnlichem betitelte „praktische“ Teil. Er krankt oft an mangelnder Aktualität: Die genannten Währungskurse, Portogebühren oder Benzinpreise sind längst geändert, wenn der Reisende aufbricht. Verärgert muß er dann sein Ferienbudget stärker strapazieren als geplant; seinen Reiseführer bezichtigt er dann nicht selten genereller Schlamperei, An solchen harschen Urteilen sind die Verleger nicht unschuldig; sie sollten ihre Leser deutlicher darauf aufmerksam machen, daß derlei Angaben bestenfalls als Richtwerte zu nehmen sind. Mit dem eher als juristischen Lendenschurz gedachten Hinweis, der Verlag könne für seine Angaben keine Gewähr übernehmen, ist es nicht getan. Vom Reisenden sollte man dann aber auch nicht erwarten dürfen, daß er nicht jede Preisangabe für eherne Ziffern nimmt und sich schließlich naiv über deren Unstimmigkeit mokiert.

Diese Großzügigkeit gegenüber Autoren und Verlegern ist allerdings fehl am Platz, wenn es um die Routenbeschreibungen und die touristischen Erläuterungen geht. Einige Verlage haben herausgefunden, daß sich auf dem Reiseführermarkt leicht stattliche Auflagen und fette Umsätze machen lassen; mit schludrigen oder allzusehr von Reklame geprägten Büchern versuchen sie, an schnelles Geld zu kommen. Es sind nur ein paar schwarze Schafe in einer properen Herde, wir wollen auch auf diese aufmerksam machen.

Klaus Viedebantt