In labilen Situationen lösen an der Börse schon kleine Ursachen deutliche Reaktionen aus. Für heftigen Wind sorgten in der vergangenen Woche neue Schuldscheine des Bundes. Sie waren mit so großzügigen Konditionen ausgestattet worden, daß sich in Börsenkreisen der Eindruck verstärkte, der Bund wolle eine neue Verschuldungsaktion starten. Schuldscheine mit dreijähriger Laufzeit trugen Verzinsungen von 5,4 Prozent. Ende Mai waren es lediglich 5,04 Prozent. Vierjährige Papiere stiegen von 5,28 auf 5,5 Prozent. Steigende Zinsen aber signalisieren sinkende Kurse.

Die öffentlichen Anleihen gerieten denn auch prompt unter Druck. Nur mit einem bundesweiten Einsatz von 226 Millionen Mark konnte die Bundesbank Kursverluste auf breiter Front in Grenzen halten. Die Aktienmärkte konnten sich der Unsicherheit nicht entziehen. Nachdem die Kurse Mitte vergangener Woche fast das Februar-Hoch wieder erreicht hatten, kam es zu erheblicher Verstimmung. Dabei scheint die derzeitige Dividenden-Welle eine große Rolle zu spielen. Zahlreiche Investmentfonds und Banken kaufen derzeit Standardwerte kurz vor Dividendenabschlag, um sich nach der Ausschüttung wieder von ihnen zu trennen.

Lange dürfte die zinsbedingte Nervosität indes kaum anhalten. Auf den zahlreichen Hauptversammlungen sind derzeit fast ausschließlich positive Töne über das laufende Geschäftsjahr zu hören. Solange jedoch nicht klar ist, welche Weichen der Wirtschaft auf dem bevorstehenden Weltwirtschaftsgipfel gestellt werden, dürfte die Lage weiterhin labil bleiben. jfr.