Brunsbüttel war im nüchternen Jargon der Techniker ein „Störfall“, eine unangenehme Panne, aber beileibe nicht die Vorstufe zu einer nuklearen Katastrophe. An einem Nebenrohr („Föhnstutzen“), das nur für Sonderaufgaben benötigt wird und deswegen mit einem Flansch fest verschlossen ist, war hinter der Schweißnaht ein Riß aufgetreten: ein seltener Materialfehler, mit dem sich nun das Stuttgarter Materialprüfungsamt beschäftigt. Dampf strömte in die Turbinenhalle aus, rund 40 Tonnen pro Stunde, doch die Reserve-Speisewasser-Behälter konnten den Verlust ausgleichen. Also kein Grund zur Panik, zumal eine der über 90 Sicherheitsauslösungen, die im Störfall den Reaktor abschalten sollen, prompt anspricht.

Zum Skandal wurde „Brunsbüttel“ erst durch zwei menschliche Fehler: das Verhalten der Bedienungsmannschaft und die Verschleierungstaktik des Hauptbetreibers. Die Kraftwerker haben bona fide das Falsche getan, die Betreiber bewußt das einzig Richtige unterlassen.

Doch darüber hinaus wirft Brunsbüttel zwei grundsätzliche Fragen auf. Der dort verwendete Siedewasser-Reaktor hat – zumindest in der Bundesrepublik – nicht die Störfreiheit seines Konkurrenten, des Druckwasser-Reaktors, erreicht. Alle drei echten nuklearen Sorgenkinder – Brunsbüttel, Lingen und Gundremmingen – sind Siedewasserrekatoren. Bei ihnen wird das Kühlmittel Wasser im Reaktor erhitzt, verdampft, direkt auf die Turbine geleitet und dann nach Kondensation und Kühlung (in Brunsbüttel durch Elbwasser) wieder in den Reaktor zurückgepumpt. Unvermeidlich nimmt dabei das Wasser im Reaktor radioaktive Partikel mit, die aus defekten Brennstäben austreten.

Das trifft zwar auch für den Druckwasserreaktor zu, in dem das Kühlwasser so unter Druck gesetzt wird, daß es trotz der Erwärmung nicht verdampft; es gibt seine Wärme in einem Austauscher an einen zweiten Wasserkreislauf (Wasser – Dampf – Turbine Kondensation/Abkühlung – Wärmeaustauscher) ab. Dieser Typ hat aber den Vorteil, daß radioaktiv verseuchtes Wasser mit dem Dampf für die Turbinen nicht in direkte Berührung kommt – ein Riß in dem „Föhnstuzen“ hätte also nur „sauberen“ Dampf entweichen lassen. Ein weiterer Vorteil ist das wesentlich kürzere Rohrsystem für verseuchtes Wasser, das zudem im nach außen dichten eigentlichen Sicherheitsbehälter untergebracht ist.

Viel komplexer ist das zweite Problem, die Einfügung des Menschen in die automatischen Regelkreise. In jedem Kernkraftwerk gibt es Automatiken für und gegen alles, zum Teil doppelt und dreifach. Mit dem Wachsen der Elektronik nimmt freilich auch deren Fehlleistungsquote zu. Auf den Menschen läßt sich deshalb so wenig verzichten wie auf die Möglichkeit, störrische Regelanlagen bewußt zu umgehen, vorübergehend auszuschalten, ihre Fehler zu korrigieren. Daß dabei in Brunsbüttel radioaktiver Dampf ausströmen konnte, beweist, daß der Mensch immer noch das schwächste Glied in allen Regelsystemen darstellt, zwar unverzichtbar, aber gefährlich, weil er auch nach sachfremden Erwägungen handeln kann und, wie sich in Brunsbüttel gezeigt hat, zu gerne seinen Irrtümern glaubt, die ihm im Moment in das Konzept passen.

Innerhalb von acht Tagen haben sich drei Pannen in kerntechnischen Anlagen ereignet, die schwerste in Brunsbüttel. Auf dem Gelände der Versuchsreaktoren Geesthacht zerriß ein Baggerführer ein Rohr mit radioaktiven Abwässern; mehrere tausend Liter versickerten im Boden. Im Kraftwerk Neckarwestheim wurde nach dem Ausfall der Speisepumpen kurzfristig „sauberer“ Dampf abgeblasen; es war der zweite Defekt binnen 48 Stunden.

Die Vorfälle haben das Vertrauen in die Sicherheit der Atomkraftanlagen nicht eben gesteigert. Doch absolute Sicherheit oder einen absolut störfreien Reaktor gibt es nicht, selbst wenn mit hohem finanziellen Aufwand die Kontrollautomatik ausgeweitet wird. Ohnehin wird die Wirtschaftlichkeit der bestehenden Anlagen mit Fug und Recht bezweifelt. Vielleicht lebt die Debatte „Unvermeidbares Restrisiko contra sichere Energie“ noch einmal auf: Sachlich ist sie nämlich längst noch nicht entschieden.

Horst Bieber