Wie haben wir sie vorher bewundert, die Vogts, Bonhof, Kaltz, Maier, Müller und all die anderen Stars der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Traubenzucker lutschend, Suppe löffelnd, Schokolade genießend – wie sich deutsche Fußballprofis, vielseitig begabt und gut in Form, auf den Mattscheiben des Werbefernsehens und im Inseratenteil der Zeitungen und Illustrierten der Weltmeisterschaft näherten, das ließ Großes für die Zeit in Argentinien erhoffen. Hierzulande brauchte man ja wirklich nicht zu befürchten, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) werde eine unterernährte Truppe nach Argentinien schicken, die voller Neid in die prall gefüllten Suppenterrinen anderer Ländervertretungen schaut.

Und dann der Sturz ins Mittelmaß: nicht einmal ein Platz unter den letzten Vier. Welche Firma würde heute auch nur einem einzigen der deutschen Spieler einen ähnlich schönen Werbevertragwie vor der Abreise nach Argentinien anbieten?

Der Marktwert eines Fußballstars korrigiert sich manchmal in neunzig Spielminuten. Vor der Weltmeisterschaft war der Mönchengladbacher Rainer Bonhof dem spanischen Club FC Valencia für eine Ablösesumme von 2,5 Millionen Mark gut, und Bonhof, ein kühl kalkulierender Profi, hatte gehofft, seinen Marktwert durch gute Spiele im WM-Turnier noch zu erhöhen. Aber dann war er, aus welchen Gründen auch immer, fast in jedem Spiel einer der Schwächsten in der deutschen Elf. Und nun sind die Spanier an ihm nicht mehr interessiert. Sie haben sich für den Österreicher Krankl entschieden, der zwei Tore gegen die deutsche Elf erzielte.

So schnell geht das, so unerbittlich kann Fußball sein in seiner Tagesforderung. Drei Schritte noch bis zum Ziel, die Taschen voll Geld – und dann kommt einer daher, der einem im letzten Augenblick ein Bein stellt. Der Reiche wird plötzlich ärmer, der Arme reich. Neunzig Sekunden fehlten den Deutschen im Spiel gegen Österreich, um zumindest das „kleine Finale“, den Kampf um den dritten Platz, zu erreichen. Neunzig Sekunden, in denen die Vogts, Bonhof, Kaltz, Maier oder Müller einen entscheidenden Teil ihres Marktwertes einbüßten.

Die Privilegien aus dem Ruhm von gestern zählen nicht. Das ist eine alte Erkenntnis. Für den Star, der gestern noch in einem stabilen Marktwert-Bewußtsein den Platz betrat – unglaublich hohe Transfer-Angebote sorgen ja immer wieder für einen Idolisierungseffekt in der ‚Öffentlichkeit mag es allerdings eine überraschendeEntdeckung sein.

Jedenfalls sind die Erfahrungen des WM-Turniers in Argentinien für manchen Ballkünstler eine Warnung: Nachwuchs ist immer schon auf dem Sprung, den Mann mit dem großen Namen zu ersetzen. Und nach dieser WM bietet sich im deutschen Team kein Spieler an, von dem man sagen möchte, er sei wirklich unersetzlich.

Unter dem Fußball-Markenzeichen „made in Germany“ haben Werbechefs der Wirtschaft vor der WM vertrauensvoll investiert. Der Star profitierte davon mit fünfstelligen Summen, ohne dafür Besonderes leisten zu müssen. Die Leistung sollte er dann später, auf dem Rasen, bringen. Aber sie blieb aus. Und nun kommt der Rückstoß-Effekt. Das ist völlig natürlich, und der Fußballprofi, der im Jahr das Zigfache der Einkünfte eines hart arbeitenden Menschen kassiert, sollte wissen, daß der Sport als Erwerb es schwerlich zuläßt, wenn man daneben den Erwerb als Sport betrachtet.