Die privaten und öffentlich-rechtlichen Anteilseigner sind zerstritten

Eigentlich hält nur ein sehr gutes Unternehmen solche Querelen aus. Auf diesen Nenner brachten als eine Mischung von Realitätssinn und Galgenhumor Beteiligte die Situation, in der sich der größte deutsche Luft- und Raumfahrtkonzern befindet: die Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH (MBB) in Ottobrunn bei München. Dem Unternehmen mit 20 000 Beschäftigten und 1,8 Milliarden Mark Umsatz könnte es so gut gehen, wenn ihre Gesellschafter nicht untereinander mehr denn je zerstritten wären.

Eigentlich glaubte niemand so recht daran, daß die Gesellschafterversammlung am 23. Juni mit anschließender konstituierender Sitzung des neuen – mitbestimmten – 20köpfigen Aufsichtsrats die seit langem ersehnte und vieldiskutierte „Strukturbereinigung“ im Gesellschafterkreis bringen würde. Aber daß es dabei zu solch einem Eklat, einem Patt zwischen öffentlichrechtlichen und privaten Anteilseignern, und einer totalen Überraschung bei der Neubesetzung der Aufsichtsratsspitze kommen würde, das sah niemand voraus. Denn der Mann, der am späten Freitagnachmittag einstimmig als deus ex machina zum neuen Aufsichtsratsvorsitzenden gekürt wurde, war am Tag zuvor überhaupt noch nicht im Gespräch.

Bis dahin hatte der Unternehmensberater und – Mehrfach-Aufsichtsrat (unter anderem bei der Deutschen Bank und beim MBB-Gesellschafter Thyssen AG) Günter Vogelsang als Favorit gegolten. Doch statt seiner wurde nun als Kompromißkandidat der frühere Vorstandssprecher der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank und heutige Aufsichtsratsvorsitzende des Münchner Instituts, der 67jährige Anton Ernstberger, gewählt.

Er wußte bis Freitag vormittag um zehn Uhr selbst nichts von seinem „Glück“, auch wenn er schon am Abend zuvor aus dem bayerischen Finanzministerium gefragt worden war, ob er nicht „jemanden“ wüßte und ob er dabei nicht „an sich selber“ denke. Als dann feststand, daß Günter Vogelsang nicht mehr zur Verfügung stand, weil die öffentlich-rechtlichen MBB-Gesellschafter Bayern und Hamburg und die Anteilseigner aus der Industrie sich nicht einigen konnten, mußte ein neuer Mann gefunden werden.

Bayerns Finanzminister Max Streibl verfiel, bestärkt von seinem Ministerialdirektor Lothar Müller, auf den „Pensionär“ Ernstberger, der bei aller Kritik an seiner Beteiligungspolitik bei der Hypo-Bank als erfahrener Industriestratege und psychologisch versierter Taktiker gilt und der für die Streibl-Mannschaft vor allem einen großen Vorzug hat: Er ist eine von Siemens „unabhängige Persönlichkeit“ (Siemens-Hausbanken sind Deutsche Bank und Bayerische Vereinsbank; auch bei MBB ist die Hypo nicht engagiert). Für ihn plädierte zudem Strauß. Kurz vor zehn Uhr erreichte Streibl telephonisch Ernstberger in Salzburg: „Die Industrie läßt mich im Stich. Können Sie einspringen?“ Ernstberger sagte zu.

Die formale Einstimmigkeit bei der Wahl Ernstbergers trügt. Die Gesellschafter der MBB waren sich nie so uneins wie jetzt. „Die öffentlich-rechtlichen „Gesellschafter Hamburg und Bayern überziehen ihre Forderungen, die wollen jetzt selbst die Mehrheit durch Zukauf weiterer Anteile haben“, argwöhnt ein Exponent der Industrie.