Die Rettung der vier Chemiekonzerne kostet Rom über zwei Milliarden Mark

Das kostet den italienischen Staat tausend Milliarden Lire (2,5 Milliarden Mark)“, rechnete der kommunistische Wirtschaftsexperte Luciano Barca der römischen Regierung vor. Barca, Vorstandsmitglied der Kommunistischen Partei Italiens und Wirtschaftschef des KPI-Schattenkabinetts, zitierte aus seinem Plan zur Rettung der italienischen Grundstoffchemie.

Barca verkündete sein Sanierungskonzept am gleichen Tage, an dem auch Wirtschaftsminister Carlo Conat Gattin in einem eigenen Bericht den zweitgrößten Fehlschlag der italienischen Wirtschaftsgeschichte offenbarte. Denn nach dem staatlichen Stahl-Desaster kosten die Fehlplanungen in der Grundstoffchemie im Nachkriegsitalien das meiste Geld.

Dabei sind die Schätzungen der Kommunisten für die Sanierung der vier größten Chemiekomplexe Italiens sehr vorsichtig. Die vier Konzerne, die noch’vor einigen Jahren Italiens Hoffnung für die Industrialisierung Süditaliens waren, haben zusammengenommen Schulden für umgerechnet an die 20 Milliarden Mark. Das entspricht gerade einem Jahresumsatz der vier, nämlich der Montedison, der Società Italiana Resine (SIR), der Liquichimica und der zum staatlichen Energiekonzern ENI gehörenden ANEC.

Den Umsatzanteil dieser Gruppen in der Grundstoffchemie schätzt man auf 40 Prozent ihres Gesamtumsatzes; das sind acht Milliarden Mark. Mit dieser Produktion, die vor allem aus Polyäthylen und Chemiefasern besteht, machten die vier Großen zwei Milliarden Mark Verlust. Das heißt, ein Viertel des Gesamtumsatzes der italienischen Grundstoffproduktion in der Chemie geht durch den Schornstein.

Kein Wunder, die Investitionen flossen meist nicht an den kostengünstigsten, sondern den politisch opportunsten Standort, wobei pseudosoziale Schauprojekte eine große Rolle spielten. Auch als schon längst klar war, daß weder der italienische Markt noch der Weltmarkt mehr Polyäthylen und Chemiefasern aufnehmen konnten, investierten die vier Großen mit billigstem Staatskredit vor allem in den Entwicklungsgebieten Süditaliens weiter.

So wird Italien 1982 eine Produktionskapazität von 2,4 Millionen Tonnen Polyäthylen haben, während der Inlandsmarkt dann nur 2,1 Millionen Tonnen aufnimmt. Noch dieses Jahr nimmt auf der Insel Sardinien ein neues Werk der SIR-Gruppe mit 300 000 Tonnen die Produktion auf, während Montedison und ANEC gemeinsam in Sizilien ein Kombinat für 550 000 Tonnen Jahresproduktion im Bau haben. Unter diesen Umständen ist die Vernichtung des Montedison-Werkes Brindisi in Süditalien (230 000 Tonnen Kapazität) durch eine Explosion ein makabrer Zufall: Nach dem Urteil des Industrieministeriums müßte die Kapazität aller drei Werke verringert werden.