Alle Eltern gehen davon aus, daß sie die ihnen selbst unangenehm auffallenden Verhaltensweisen ihrer Kinder durch bestimmte Erziehungstechniken korrigieren können: Bettnässenden Bambinis wird noch immer wenig zu trinken gegeben, daumenlutschendem Nachwuchs widerwärtig schmeckendes Zeug auf die Finger geschmiert, zappeligen Zöglingen langweiliges Stillsitzen verordnet. Daß Eltern aber einen sehr viel größeren Teil dazu beitragen, diese Verhaltensauffälligkeiten hervorzurufen, als sie mit derlei Praktiken einzudämmen, ist wenigen bekannt. Immer mehr Ärzte und Psychologen versuchen jedoch, diese Übel an ihrer Wurzel zu packen – nämlich primär die Einstellungen und Verhaltensweisen der Eltern zu beeinflussen (Und dadurch erst sekundär das Verhalten der Sprößlinge).

Welche Bedeutung die elterliche Einstellung zum Stottern und ihre Kenntnis seiner Ursachen für die Entstehung und Behandlung dieser Sprechstörung haben kann, ist jetzt von amerikanischen Forschern untersucht worden.

Thomas Crowe und Eugene Cooper von der Louisiana State University entwickelten zwei Fragebögen: PATS (Parental Attitudes Toward Stuttering Inventory) und ASK (Alabama Stuttering Knowledge) – Tests, mit deren Hilfe sie Einstellung und Kenntnisse von Eltern stotternder und nichtstotternder Kinder.

Bei den 45 Punkten des PATS-Fragebogens müssen die Testpersonen angeben, in welchem Maße sie Behauptungen zustimmen oder ablehnen, wie etwa: „Es ist hilfreich, wenn man Kinder gestotterte Wörter so lange wiederholen läßt, bis sie sie fließend aussprechen“, oder „Furcht..., so wird allgemein angenommen, hat wenig mit Stottern zu tun“, oder „Stottern ist in vieler Hinsicht schlimmer als Blindheit“. Durch ein Punktsystem, das mit Hilfe von 45 Sprachheilpädagogen, denen der Fragebogen vorgelegt worden war, ausgearbeitet wurde, konnten die am meisten beziehungsweise am wenigsten erwünschten Einstellungen identifiziert, bewertet und verglichen werden.

Beim ASK-Test müssen die Testpersonen bei 26 Behauptungen entscheiden, ob sie richtig oder falsch sind – etwa „Normalerweise tritt das Stottern plötzlich auf“, oder „Stottern und Intelligenz haben nichts miteinander zu tun“, oder „Die meisten Stotterer beginnen zu stottern, bevor sie drei Jahre alt sind“.

Es zeigte sich, daß die Eltern nichtstotternder Kinder mehr über das Stottern wußten und über eine wünschenswertere Einstellung zu der Störung verfügten als die Eltern stotternder Kinder. Wieviel dieser Unterschied zur Entstehung beziehungsweise zum Ausbleiben der Sprechstörung beiträgt, ist nicht bekannt, sicher ist jedoch, daß die Behandlung stotternder Kinder erleichtert würde, ließen sich die Einstellungs- und Wissensmängel ihrer Eltern feststellen und korrigieren. Für sprachheilpädagogische Zentren, wie etwa die Stimm- und Sprachabteilung der Hals-Nasen-Ohrenklinik der Hamburger Universität, wo die Psychotherapie der Eltern schon häufiger zur Stotterbehandlung eingesetzt wird als eine direkte Therapie des Kindes, wären beide Tests daher sehr hilfreich. Elena Schöfer