Alle kritisieren jetzt die deutsche Fußballmannschaft und ihren Trainer, weil sie aus Argentinien unterrichteter Dinge zurückgekommen sind. Das ist ziemlich unwichtig. Selbst Literaturkritiker sind manchmal gnädiger, besonders dann, wenn es sich um Autoren handelt, die ihre Freunde oder Gesinnungsgenossen sind. Da findet man in einem Buch, das man eigentlich überhaupt nicht lesen kann, daß es politisch richtige Gedanken enthält, gute Landschaftsschilderungen, kunstvoll gebaute Sätze, oder daß es zumindest durch eine schöne graphische Ausstattung gefällt. Im schlimmsten Fall werden gute Absichten gewürdigt. Soviel Gnade sollte man auch den Fußballern gegenüber walten lassen; es sind ja Freunde und Gesinnungsgenossen der gesamten bundesrepublikanischen Bevölkerung – denn alle hatten den Weltmeistertitel im Sinn. Gute Absichten hatten die Spieler auch. Sie verpaßten den Titel ja nicht deshalb, weil sie nicht siegen wollten, sondern weil sie es nicht konnten.

Man muß dem Spiel der deutschen Mannschaft auch gute Seiten abringen. Zum Beispiel, ihre Taktik war tiptop. Man wirtschaftete klug mit der Energie und schonte sich für das jeweils nächste Spiel. Man schaute mit Gelassenheit zu, wie die anderen durch Herumlaufen, energieraubende Vorstöße und Schießversuche ihre Kräfte verschwendeten. Schade, daß diese Taktik der Vernunft und der spielerfreundlichen Humanität nicht voll zur Geltung kam. Das lag an dem von den Spielern nicht verschuldeten Zeitmangel. Gäbe es noch zehn, zwölf Spiele mehr, es hätte sich gezeigt, wie schlau diese Taktik war.

Man muß allerdings gestehen, daß die Taktik nicht konsequent genug durchgeführt wurde. Bei jenen Spielen zum Beispiel, in denen man auf Null zu Null zielte, hätte man die Spieler noch mehr schönen können. Man hätte nur die ganze Mannschaft vor dem eigenen Tor als undurchdringliche Wand aufzustellen und abwechselnd jeweils zwei Mann nach vorn zu schicken brauchen, die sich den Ball hin und her zugespielt hätten, damit einem das Lederzeug nicht ganz überflüssig vorkommt. Außerdem hätte man den Ball ab und zu weit weg den Gegnern zuschicken können, sollen die sich mit ihm abrackern. Vielleicht wären sogar zum Decken des Tors nicht immer neun Mann erforderlich gewesen, da hätte man die Methode noch verbessern können: einige Spieler hätten sich abwechselnd ins Gras hinlegen und ausruhen können. Auf diese Weise hätte man ein Maximum an Sicherheit bei einem Minimum an Kraftaufwand erreicht.

Es hätte auch nicht geschadet, ein bißchen mehr Psychologie in die Taktik hineinzubringen. Warum sollen Fußballer nicht von manchen westeuropäischen und amerikanischen Entspannungspolitikern lernen, die glauben, daß der Gegner, wenn man ihm nachgibt und aus dem Wege geht, sich schämen wird, anzugreifen. Man könnte doch als Zeichen des guten Willens einen oder zwei eigene Spieler hinter dem Tor stehen lassen; man könnte einige Mitspieler selbst foulen, besonders solche, die die Gegner provozieren oder ihnen unlieb sind. Eine Fußballweltmeisterschaft wäre am besten dafür geeignet, diese Taktik auszuprobieren – da sieht man die Ergebnisse schneller als im Weltgeschehen.

Man könnte natürlich auch von Politikern der anderen Seite lernen. Warum hat zum Beispiel die deutsche Mannschaft einen so bescheidenen Dreß getragen? Man könnte doch auf die Trikots etwa einen zähnefletschenden Tigerkopf malen und die Inschrift „Die Unbesiegbaren einprägen. Manchen Gegnern hätte sich das eingeprägt und sie vielleicht eingeschüchtert. Eine eingeschüchterte Mannschaft ist halb besiegt – das wissen doch die deutschen Fußball-Experten auch.

Alles, was ich geschrieben habe, ist nur taktischer Ratschlag und keine Kritik. Die Taktik der deutschen Mannschaft in Argentinien war durchaus in Ordnung. Weder die Spieler noch der Trainer sind daran schuld, daß die Taktik nicht zu vollem Erfolg geführt hat – dies ist einzig und allein die Schuld der rücksichtslosen Gegner, die diese Taktik dauernd gestört oder gar nicht zur Kenntnis genommen haben. Und das manchmal ganz unerwartet!

Nehmen wir die Österreicher: Man hätte geglaubt, sie würden vor dem großen Bruder Respekt haben, „Hab’ die Ehre“ und „Küß die Hand“ murmeln und Zusammenstößen aus dem Wege gehen, wie es sich traditionell gehört. Statt dessen haben sie laufend – und gut laufend – angegriffen, respektlos auf das deutsche Tor geschossen und, was noch schlimmer ist, dreimal getroffen. Heimtückisch bemühten sie sich zu gewinnen, obwohl sie nichts mehr zu gewinnen hatten. Da soll einer noch an Neutralität und guten Willen in internationalen Beziehungen glauben.