Saarbrücken

Die Reise nach Europa führt für manchen Löwen zu seinem vorzeitigen Ende. Statt in einem Zoo oder Zirkus das wilde Tier zu demonstrieren, wofür er verschickt wurde, endet der "König der Wüste" manchmal im Kochtopf. Wenn er nämlich keinen Käufer findet, tritt ihn der Händler für Lebendtiere ans Schlachthaus ab. Aus Kostengründen geht der Löwe dann den Weg eines europäischen Kalbs, und so sieht er, gekocht und in Sauce, auch aus. Selbst der Geschmack erinnert an Kalbfleisch. Tiefgefroren und in große Portionen aufgeteilt – Schulterblatt, Rücken, Hinterteil – kommt der Löwe über eine Saarbrücker Lebensmittelgroßhandlung in die Küche eines Saarbrücker Restaurants. Das serviert laut Speisekarte einmal wöchentlich Löwenbraten für 12 Mark.

Die ausgefallene Küche brachte dem Wirt und Hobbykoch der "Saarlandklause", Adi Zimmer, inzwischen nicht nur Zeitungs- und Fernsehreportagen in Frankreich, Luxemburg, Belgien und selbst New York ein, sondern auch neue Gäste. Sein Versuch, Saarländisches wie Dibbelabbes und Gefilde mit Löwe und Tiger abzuwechseln, läßt sich als gutes Geschäft an.

An der Zubereitung hat er wochenlang herumgetüftelt – wo stehen schon Löwenrezepte? – bis er die Rotwein- und Pfeffersaucen erfunden hatte, in denen er die Safaribraten serviert. Beilagen: Salzkartoffeln und Bohnen. Heute sagt er lässig: "Löwe braucht eine Stunde. Tiger ist körniger im Fleisch, der braucht seine zweieinhalb Stunden." Tiger wird, wie Antilope, vorher in Buttermilch eingelegt, um den gewissen Eigengeschmack zu mildern. Er kennt sich aus mit diesen Fleischsorten, und den Verdacht, möglicherweise saarländisches Rind- statt afrikanisches Steppenvieh zu kaufen, weist er entschieden von sich: "Man sieht den Unterschied im Fleisch, und dann sind da ja auch die Tatzen."

Der Gast sieht’s nicht, aber allein die Vorstellung, so Ausgefallenes zu vertilgen, scheint viele zum Genuß zu verleiten. Es ist auch "alles ganz offiziell", versichern die Beteiligten, vom Import bis zur Veterinärkontrolle. Das Ende im Kochtopf kommt rechtens. Wenn eine Lebendtierhandlung beispielsweise drei Löwen braucht, um sie an Zoos weiterzuverkaufen, es kommen aber fünf an, "was man ja nie weiß", und der Händler kann die zwei mangels Nachfrage nicht absetzen, dann erst gibt er sie ans Schlachthaus, um die hohen Unterhaltskosten zu sparen.

Deshalb kommt das Angebot recht anfällig," "man kann nicht zehn Löwenkeulen bestellen", sagt der Lebensmittelgroßhändler. Anders als Löwen und Tigern ergeht es ab Herbst jedoch Springböcken aus Südafrika. Sie werden importiert, "ganz offiziell" ebenfalls, um den heimischen Wildbestand zu schonen und die Preise niedriger zu gestalten. Doch diese Tiere sind weniger ausgefallen, weil zwischen Springböcken und Reh geschmacklich kein großer Unterschied besteht.

Tigerkeulen oder Löwenrücken bleiben einstweilen exklusiv. Christel Szymanski