Von Jes Rau

Während der Chauffeur den imposanten schwarzen Cadillac durch Washingtons Gewitterregen zum „Hotel Watergate“ lenkt, kommt Wilhelm Haferkamp die Idee, kurz vor dem Abflug nach Europa der „reizenden Helen“ noch zwanzig gelbe Rosen ins Haus zu schicken, zusammen mit einem herzlichen Kartengruß „auch an Bob“.

Bei „Helen und Bob“, genauer gesagt bei US-Sonderbotschafter und Chef-Inflationsaustreiber Robert S. Strauss und Frau war der EG-Kommissar abends zuvor auf einer Party zu Gast. Die Geselligkeit schloß zwei Tage ab, in denen Haferkamp mit Strauss, dem japanischen Außenhandelsminister Nobuhiko Ushiba und dem kanadischen Handelsbeauftragten Jack Warren über Zolltarife, Exportsubventionen und andere Handelshemmnisse verhandelt hatten. Zum gleichen Thema und in der gleichen Besetzung hatte er eine Podiumsdiskussion absolviert und zuletzt ein Pressegespräch in der eleganten Residenz des EG-Delegationsleiters Spaack hinter sich gebracht.

Wenn Haferkamp nach so viel Hektik ins Seufzen kommt, dann spürt man sein behagliches Erstaunen darüber, es in dieser Welt so weit gebracht zu haben. Man glaubt es dem ehemaligen Abgeordneten des Landtages von Nordrhein-Westfalen gerne, daß er zu „Bob“ einen guten Draht hat: sein lässiger Charme, sein politischer Instinkt und die Gabe, lästige Einzelheiten unteren Chargen zu überlassen – all das prädestiniert Haferkamp geradezu für den Umgang mit dem Polit-Schauspieler und Multimillionär Robert Schwarz Strauss. Und Haferkamp ist stolz darauf, was das Duo – „Bob und ich“ – alles auf die Beine gebracht hat, seitdem auf der letzten Gipfelkonferenz in London von den anwesenden Staatschefs beschlossen wurde, die multilateralen Handelsgespräche im Rahmen des GATT (General Agreement on Tariffs and Trade) voranzutreiben.

Die sogenannte „Tokio-Runde“ zwischen der Europäischen Gemeinschaft, den USA, Japan und siebzig weiteren Staaten wurde offiziell bereits am 12. September 1973 eröffnet, erbrachte aber vier Jahre lang praktisch keine Fortschritte. Erst nach der Ernennung des energiegeladenen Robert S. Strauss zum US-Sonderbotschafter für Handelsfragen bekamen die Verhandlungen Schwung: Auf Drängen von Strauss legten die maßgeblichen Teilnehmer der „Tokio-Runde“ einen Fahrplan für die Verhandlungen fest. Wenn sie die für die nächsten Wochen vorgesehenen „Abfahrtzeiten“ einhalten wollen, dann muß aus dem bisherigen Bummelzug der Tokio-Runde auf der kommenden Strecke ein „Tokio-Expreß“ werden.

Bis zum 30. Juni soll der Text stehen für die Schutzklauseln gegen überhöhte Importe, für die Einschränkungen der Exportsubventionierung sowie für den Mechanismus, der Ausgleichszölle gegen Exportsubventionen auslöst. Bis zum 6. Juli sollen die Paragraphen formuliert sein, die ausländischen Anbietern größere Chancen bei öffentlichen Aufträgen versprechen. Und am 10. Juli sollen die agrarpolitischen Regelungen vorliegen. Mit der Zustimmung zu diesem rohen Vertragspaket wollen dann die eine Woche später in Bonn weilenden Staatschefs der großen Industriestaaten ihre Gipfelkonferenz krönen. Unterschriftsreifes wird aber bis dahin wahrscheinlich nicht fertig.

Wer je einen Blick auf den Wust von Gutachten, Memoranden und statistischen Tabellen geworfen hat, mit denen sich die beteiligten Handelsspezialisten nun schon jahrelang bombardieren, der wird die bisher erzielten Fortschritte nicht geringschätzen. Sich über die Höhe der anzupeilenden Zollsenkungen zu einigen, war noch der leichteste Part vom ganzen. Genau wie bei der vorhergehenden „Kennedy-Runde“ sollen Zollsenkungen von durchschnittlich dreißig bis vierzig Prozent herausspringen. Kniffliger wurde es schon bei der Struktur des Zollabbaus. Hier drohte sich der Konflikt zu wiederholen, der die „Kennedy-Runde“ so lange lähmte.