Auf der Jährhundert-Auktion bei Sotheby wurden Kunstwerke gehandelt zu irrationalen Preisen

Zwei Herren der Firma Sotheby, Dinnerjackett,Fliege, Brille, Halbglatze, stehen hinter, dem Auktionspult, schauen herab auf die zu Füßen sitzende Gemeinde potentieller Käufer. Sagt der eine zum anderen: „Ist das nun eine falsche Zahl oder ein letztes Gebot?“ So zu sehen in der Londoner „Times“ als Karikatur, mit der, von zahlreichen Berichten abgesehen, die acht Tage dauernde Auktion der Sammlung Hirsch kommentiert wurde (über die Inszenierung dieses Weltkunst-Spektakels berichtet Karl-Heinz Wocker auf Seite 41). Die Karikatur ist nicht, wie es die Definition verlangt, ein übertreibendes Zerrbild – sie beschreibt, minus der Authentizität des Zitats, genau das, was sich vom 20. bis 27. Juni 1978 im Salesroom von Sotheby’s zugetragen hat: die Realität des Irrationalen. Was sind schon Zahlen? Was in diesem Falle heißt: Was ist schon Geld?

Was auch immer Zahlen sonst sein mögen: in dem Moment, wo sie eine Geldsumme beschreiben, werden sie sonst sehr ernstgenommen und ergeben dadurch, daß man sie in Relation zueinander zu setzen pflegt, ein pekuniäres Weltbild.

Bei Sotheby stimmte keine Zahl, die man durch rückblickende Vergleiche im voraus kalkuliert hatte (und das älteste Auktionshaus der Welt, 1744 gegründet, hat da einige Erfahrung), und das pekuniäre Weltbild ist durcheinander. Auf etwa 600 000 Mark war das Dürer-Aquarell „Der Trintperg“ getaxt, für 2 450 000 wurde es versteigert; auf rund 30 Millionen Mark war der Gesamterlös der Auktion im voraus geschätzt, am Ende kam man ungefähr aufs Doppelte. Die Verauktionierung des englischen Rothschild-Landsitzes Mentmore mit Inventar, im vergangenen Jahr voreilig von derselben Firma zur „Auktion des Jahrhunderts“ erklärt, rückt mit ihren 25 Millionen Mark auf den zweiten Rang. Mit anderen Worten: das schwelgerisch metaphysische Epitheton von den „unschätzbaren“ Werten, hier wurde es handfest real. So verschätzt hatte man sich schon lange nicht mehr.

Unterschätzt hatte man bei Sotheby nicht nur die eigene, langfristige, vorzügliche Propaganda, sondern auch die Strategie, mit der die Deutschen das irrationale Ziel verfolgten, hier einen doppelten Akt der Wiedergutmachung zu leisten: eine Art Buße zu zahlen an die Erben des Robert von Hirsch, der 1933 Deutschland mit dieser seiner Sammlung verließ; und die deutschen (das hieß hier: die teuersten) Kunstwerke dieser Sammlung wieder nach Deutschland zurückzuholen, um, wie sich herausstellte, fast jeden Preis.

Daß ausgerechnet Hermann Abs, der Bankier (und Kunstkenner), diese mit nüchternen Überlegungen allein nicht ganz zu bewältigende Aktion mit nüchterner Schläue einfädelte, leitete und zum erfolgreichen Ende führte, scheint eine zusätzliche Absurdität. Als Vertrauensbote der interessierten Museen und des Innenministeriums (das mit 20 Millionen die Hälfte eines jeweiligen Ankaufs finanzierte) hat Abs mit seiner Einkaufstruppe alles Wichtige, was auf der Wunschkaufsliste stand, erworben: außer dem Dürer-Aquarell die Zeichnung von Dürer, eine Porträtzeichnung von Wolf Huber, das Elsheimer-Bild, ein Reliquienkästchen aus dem Welfenschatz, einen Tisch von Roentgen, einen Armreif aus dem Krönungsornat Kaiser Barbarossas, schließlich und endlich ein Email-Medaillon aus dem 12. Jahrhundert – mit fast 5 Millionen Mark war es nicht nur der teuerste deutsche Einkauf, sondern auch einer der teuersten Verkäufe (übertroffen nur von Preisen für Gemälde von Velazquez, Duccio und Tizian), den es je bei Sotheby auf einer Kunstauktion gab.

Zweieinhalb Millionen Mark für 17 mal 22 cm Dürer: Wie schön, so könnte man sagen, wenn die Kunst, deren Kosten doch sonst immer gern als immens im Vergleich zu ihrem nur unwägbaren Nutzen bezeichnet werden, die Grenzen der pekuniären Ratio sprengt. Aber wurde hier das Kunstwerk bezahlt, über dessen Qualität bezeichnenderweise kein Wort gesagt und geschrieben wurde? Hier summierte sich doch viel eher die Rarität (das letzte im Handel befindliche Dürer-Aquarell) und Sentimentalität (Dürers Rückführung nach Deutschland – man kann nur hoffen: wenigstens nach Nürnberg, das kein passables Kunstwerk seines prominentesten Bürgers besitzt). Nichts gegen diese beiden Motive, aber man sollte sie auch einmal ausmachen im Strudel der Superlative.