Nehmen wir einmal an, wir gehen unbeschwert an unserem Urlaubsstrand spazieren und erblicken plötzlich einen Mann, der uns bekannt vorkommt. Aber dann ist es doch kein Terrorist, der hier seine wohlverdienten Badeferien verbringt, sondern ein bekannter Tourist, nämlich Vogts oder Bonhof, oder womöglich sogar Schön selber. Was tun? Freundlich grüßen und dann schleunigst das Weite suchen? Oder den Kopf senken, als ob wir nach Muscheln suchen? Oder ihn ganz einfach, als läge kein Argentinien zwischen uns, ansprechen mit den Worten: „Hallo Berti (Rainer, Helmut), na so was, du auch hier? Wie geht’s, wie steht’s?“

Oder gesetzt den Fall, wir sind mit dem Verleger befreundet, der ganz groß ins WM-Buchgeschäft einsteigen wollte, und nun ist der arme Mann auf seinen 200 000 Büchern sitzengeblieben. Laden wir ihn nun trotzdem noch zu unserer großen Geburtstagsparty ein, oder wäre das irgendwie peinlich?

Mit unseren Nachbarn hingegen, die ihr ganzes Urlaubsgeld in diese Argentinien-Expedition gesteckt hatten, um dort deutsche Siege mitzuerleben, tun wir uns leichter, denn mit denen hatten wir uns schon vorher verkracht.

Immerhin: So etwa sehen unsere Probleme seit Argentinien aus, und sie werden uns auch so leicht nicht loslassen. Deshalb stellt sich uns unweigerlich die Frage: Wie finden wir den Weg zurück aus dem Reich unserer Weltmeisterträume? Wie man mit Niederlagen fertig wird, darin haben, zumindest die Älteren unter uns gewisse Erfahrungen, wenn auch jetzt wieder nicht jeder bereit sein dürfte, die notwendige Trauerarbeit zu, leisten, sondern das Debakel lieber verdrängen möchte.

Jedenfalls wird das Jahr 1978 – das wage ich jetzt schon zu prophezeien – wenigstens nicht in die Geschichte eingehen wie 1918 und 1945. Dennoch: Es bleibt ein peinliches Unbehagen. Wir waren doch schon wieder wer – im Fußball sogar eine Großmacht –, jetzt sind wir nur noch wer gewesen.

Es nützt gar wenig, den anderen – dem DFB, Neuberger, Schön, den Spielern – die Schuld zu geben. Wenn wir alle gewonnen hätten, dann haben wir jetzt auch alle verlören. Und da hilft uns nur eins: Ablenkung! Aber tut es uns in dieser fatalen Situation wirklich gut, wenn wir statt an Schöns Aufstellungsfehler an den Zwischenfall im Kernkraftwerk Brunsbüttel denken, wo ja, ähnlich wie in Cordoba, der Risikofaktor Mensch Unbill verursacht hat? – Oder wird es uns wirklich leichter ums Herz, wenn wir statt den Mangel an Spielerpersönlichkeiten zu beklagen, an die Personalschwierigkeiten der FDP denken? – Gibt es uns etwa Auftrieb, wenn wir uns – statt die Kosten des Argentinien-Ausflugs zu erinnern – überlegen, wie teuer uns die sicher gutgemeinten Steuergeschenke letztendlich zu stehen kommen würden?

Nein, unsere Selbstachtung werden wir nur mit Mühe zurückgewinnen können. Und die brauchen wir gerade jetzt, zum Beispiel, wenn wir Ausländern begegnen. Wie sollen wir uns verhalten, wenn wir mit Holländern oder Italienern (Gastarbeitern!) zusammenkommen, Argentinier trifft man ja normalerweise seltener? Sollen wir uns dann ein verkrampftes Lächeln abringen? Immerhin, ein kleiner Trost bleibt uns: Österreich – jawohl! Schließlich hat unser Nachbar ja. erst durch den Sieg über uns den endgültigen Anschluß an die Weltklasse gefunden, und die Österreicher sind ja auch irgendwie Menschen deutscher Zunge. In Argentinien sind wir uns menschlich endlich nähergekommen. Ist die neue Doppelbrüderschaft des Kaisersprößlings Otto Habsburg dafür nicht das schönste Symbol?