Von Margrit Gerste

Brunsbüttel, im Juni

Am grünen Rathaus von Brunsbüttel, in dem ein CDU-Bürgermeister regiert, gibt es einen Briefkasten mit der Aufschrift "Umweltschutz". Er hängt noch nicht lange dort, wird auch nicht gerade häufig benutzt, ist aber dennoch ein kleines Signal. In dem Städtchen zwischen Elbdeich und Nord-Ostsee-Kanal, umzingelt von riesigen, neuen Industrieansiedlungen, hat man gelernt, umzudenken – aus politischer Opportunität, aus Erfahrung, aus Mißtrauen.

Nach den Kommunalwahlen im März zogen im benachbarten Stormarn die "Grünen" in den Kreistag ein, ebenso wie in Nordfriesland; in Brunsbüttel gewannen die Sozialdemokraten, die es vermochten, die Umweltschützer in ihre Reihen zu integrieren, zum erstenmal die absolute Mehrheit. Der Unmut über die Kieler Landesregierung wächst, weil sie alle Gutachten zur Umweltbelastung unter Verschluß hält. "Sämtliche Messungen sind uns unbekannt", moniert Johannes Wöllfert (SPD), Vorsitzender des örtlichen Umweltausschusses.

Schließlich macht sich in Brunsbüttel die unbehagliche Einsicht breit, daß die einst uneingeschränkte Zustimmung, Brunsbüttel zum größten Industriegebiet in Schleswig-Holstein umzuwandeln, sich nicht auszahlt. Die hochgesteckten Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Ein eigenes Gymnasium, ein Schwimmbad, eine Stadthalle, ein neues Altersheim und ein Klärwerk – sie fehlen trotz aller Versprechen immer noch. Die Phosphorflocken und Schwefelschwaden der Condair- und Kali-Chemie, Bayer und Veba, sind dagegen schon Realität – und auch die umstrittenste Errungenschaft: das Kernkraftwerk, das die Hamburger Elektricitätswerke HEW (75 Prozent) wenige Kilometer vor den Toren der Stadt betreiben. Die Brunsbüttler sind also mißtrauischer geworden, vorsichtiger. Daß sie allerdings einmal so verschaukelt würden, wie dies in der vergangenen Woche geschehen ist, das erstaunt und verärgert die Kommunalpolitiker quer durch die Parteien. Das brisante Ereignis in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, die sie einst ohne Murren, wohlwollend bis neutral, im Vertrauen darauf akzeptiert hatten, daß die Zusammenarbeit schon klappen würde, mußten sie aus der Zeitung erfahren – zwei Tage, nachdem es passiert war:

Am Sonntagabend um 20.30 Uhr ereignete sich im Kernkraftwerk ein "Störfall". An einem der vier Dampfrohre zur Turbine war ein sogenannter "Föhnstutzen" von acht Zentimeter Durchmesser plötzlich, ohne ein vorhergehendes Leck, gerissen. Heißer Dampf zischte drei Stunden lang durch die Bruchstelle, vernebelte den Maschinenraum und strömte auch durch sechs überdruckklappen im Dach der Maschinenhalle und durch den Kamin ins Freie. Kondenswasser im Maschinenhaus führte endlich an einer Überwachungsautomatik zum Kurzschluß und zur längst fälligen Schnell-Abschaltung des Reaktors. Daß dies nicht schon viel früher passierte, wußten die Bedienungsmannschaften durch ein waghalsiges Unternehmen zu verhindern: Sie legten kurzerhand jenes Sicherheitssystem lahm, das auf den Überdruck im Maschinenraum nach wenigen Minuten mit Abschaltung des Reaktors reagiert hätte.

Dann machten sie sich auf die Suche nach dem Leck, obwohl zwei von acht im Maschinenraum verteilte Meßgeräte erhöhte Radioaktivität anzeigten. Ob den Männern das entgangen ist oder ob sie es in Kauf genommen haben, um eine Schnellabschaltung zu verhindern, ist die Frage. Denn die Brunsbüttler Betreiber leben in der Furcht, daß die Grenzwerte für radioaktive Abgaben gesenkt werden könnten, etwa auf jene niedrigeren Werte, wie sie für das Kernkraftwerk im niedersächsischen Stade gelten. Sollte die Aufsichtsbehörde in Kiel, das Sozialministerium, sollten die Gerichte nun auch Brunsbüttel auf Stader Niveau drücken, würde das Werk am anderen Ufer der Elbe mit seinen Emissionswerten hoffnungslos zu hoch liegen.