Pompeji – Glanz und Elend der Archäologie

Von Gerhard Prause

Pompeji

Vor zweitausend Jahren hatte niemand Angst vor dem Vesuv, weder die Einwohner des neun Kilometer entfernten Pompeji, noch die von Herculaneum, Stabiae, Nuceria und ebensowenig die Besitzer der herrlichen Villen rund um den Golf von Neapel, wie zum Beispiel der Villa von Oplontis (über deren Ausgrabung wir in der vorigen Ausgabe berichteten). Sie hatten einfach deswegen keine Angst, weil sie gar nicht ahnten, daß der hoch hinauf mit Bäumen bewachsene Vesuv, der ein Berg wie jeder andere zu sein schien und dessen untere Hänge sie mit Wein bepflanzt hatten, in Wahrheit ein Vulkan war.

Auch das schwere Erdbeben im Jahre 63 n. Chr., das – wie wir heute wissen – von unterirdischen vulkanischen Vorgängen des Vesuvs ausging, die ganze Gegend bis hin nach Neapel erschütterte und in Herculaneum und Pompeji große Schäden anrichtete; brachte niemand mit dem äußerlich so friedlich daliegenden etwa 1300 Meter hohen Berg in Zusammenhang. Und so kam dann die Katastrophe vom 24. August 79 für alle völlig überraschend, wenngleich vier Tage zuvor ein paar Erdstöße zu verspüren gewesen waren. Sie begann vormittags mit einer ohrenbetäubenden Explosion des Vesuvs, bei der ein großer Teil der Bergspitze weggerissen wurde. Wenig später wurde es Nacht über Pompeji, und es regnete Massen von Lapilli, jener fast Pingpongball-großen, leichten Bimssteine, auf die Stadt, denen Massen von feinem vulkanischen Aschenstaub, vermischt mit Steinblöcken, folgten. Im Nu waren Straßen, Plätze, Dächer, Gärten unter der schnell wachsenden Schicht begraben. Immer mehr Pompejaner versuchten, der Katastrophe durch die Flucht zu entkommen; sie sahen, daß die Häuser keinen Schutz mehr boten, weil die Dächer unter der zunehmenden Last einbrachen. Viele blieben dennoch, weil die Straßen von den Flüchtenden längst verstopft waren, und suchten Rettung in den Kellern. Dort jedoch erstickten sie an den giftigen Gasen. Jahrhunderte später fand man ihre Skelette und im erhärteten Vulkanstaub die Abdrücke ihrer Körper. Etwa zweitausend Menschen starben innerhalb der Stadt, andere mögen noch auf der Flucht ums Leben gekommen sein – alles in allem wohl ein Viertel der Einwohner.

Als die Überlebenden Tage später zurückkehrten, war von der Stadt fast nichts mehr zu sehen. Aus der sieben bis acht Meter dicken Schicht grauweißer Asche und Lapilli ragten nur die obersten Teile der mehrstöckigen öffentlichen Gebäude am Forum hervor. Eine aus Rom entsandte Untersuchungskommission des Senats kam zu der Überzeugung, daß ein Wiederaufbau unmöglich sei. So blieb denn alles, wie es war, nur daß die Überlebenden auf eigene Faust nach ihren Häusern und darin zurückgelassenen Wertgegenständen suchten wobei einige – wie Archäologen später erkannten – verschüttet wurden. Mit der Zeit wurde das wenige, was von Pompeji an Steinen und Säulen noch sichtbar war, weggeschleppt und für andere Bauten verwendet. Und dann geriet Pompeji so sehr in Vergessenheit, daß bald niemand mehr wußte, wo die einst so lebensfrohe Handelsstadt gelegen hatte.

Schlamm und glühende Lava