Saarbrücken

Ein Amtsarzt produziert Schwachsinn. Die Geschichte geht so: Vor Jahren lernte ich eine Spastikerin kennen. Christel Schmeier, Jahrgang 1946, wohnhaft in Sötern im Saarland. Seitdem korrespondieren wir. Sie schickte mir Gedichte, und ich ermutigte sie, eine Sammlung dieser Gedichte – einem Verlag einzureichen, wo sie noch liegen. Nun flatterten mir ein paar amtliche Dokumente auf den Tisch, die der spastischen Poetin ganz unlyrisch leichten Schwachsinn (Debilität) bescheinigen. Schwachsinn von Amts wegen.

Urheber ist das Staatliche Gesundheitsamt des Kreises St. Wendel. Am 23. Februar 1967 unterschrieb der Obermedizinalrat Dr. Gilsbach eine amtsärztliche Bescheinigung, wonach Christel Schmeier debil ist. Dafür mußte die Behinderte eine Gebühr von 3,90 Mark berappen. Diesen Schwachsinn hat das Versorgungsamt Saarbrücken 1976 noch einmal amtlich bestätigt (Geschäftszeichen: 11/15-70/0941). Nun kämpft die angeblich Debile darum, amtlich wieder geistig normal zu werden.

Das Gesundheitsamt wie das Versorgungsamt sind Behörden, die nicht zum Verhängnis der Behinderten, sondern zu einer fachlichen Hilfe eingerichtet sind. Sie haben die Aufgabe, die Eingliederung des Behinderten zu betreiben und nicht ihre Diskriminierung. Wie qualifiziert sind die Mitarbeiter im Versorgungsamt Saarbrücken, die einen sprachbehinderten Spastiker nicht von einem Debilen unterscheiden können?

Mir liegen zwei Zeugnisse vor. Dort bescheinigen die Diakonie-Anstalten Bad Kreuznach (Ausbildungsstätte für Körperbehinderte) Christel Schmeier gute Leistungen in Rechnen und Geschichte. Handelt es sich hier nun um eine geniale Schwachsinnige oder um debile Gesundheitsbürokraten? Ernst Klee