Von Irene Mayer-List

Vor ein paar Wochen spielte sich bei Karstadt in Hamburg folgende Szene ab: Eine junge Frau hatte sich auf Vermittlung des Arbeitsamtes für eine freie Stelle als Aushilfsverkäuferin in der Spielwarenabteilung gemeldet. Mit der schnippischen Bemerkung „Na ja, nächsten Monat muß ich ja sowieso in Kur“ unterschrieb sie ihren Arbeitsvertrag. Als sie ihrem neuen Chef vorgestellt wurde, überlegte sie es sich aber plötzlich doch noch anders, zerknüllte den Vertrag wieder, schmiß ihn dem verdutzten Abteilungsleiter vor die Füße und verließ ohne weitere Erklärung das Haus. Die junge Frau gehörte offensichtlich zu den zehn Prozent der Arbeitslosen, die laut einer Infratest-Umfrage gar nicht arbeiten wollen. Nach Ansicht vieler Personalchefs liegt die echte Zahl der Drückeberger allerdings weit höher.

Bei Karstadt ist man solche Auftritte längst gewohnt. Es torkelten auch schon betrunkene Bewerber direkt vom Amt zum Warenhaus in die Mönckebergstraße. „Die reden mit einem, wie wenn man das letzte Stück Dreck wäre“, ärgert sich die Personalchefin. Trotzdem meldet sie in neunzig Prozent der Fälle beim Amt an, wenn neues Verkaufs- und Lagerpersonal gesucht wird. Doch bei Karstadt gilt: „Von fünf Leuten, die wir beim Amt ausschreiben, können wir noch nicht mal einen nehmen.“ Genaugenommen wurde bei Karstadt im Schnitt nur eine von zweihundert freien Stellen mit einem offiziellen Arbeitslosen besetzt.

In anderen Personalabteilungen hört man ähnliche Klagen. Die Lufthansa in Köln meldete im letzten Jahr noch achtzig Prozent ihrer 2661 unbesetzten Posten bei den Arbeitsämtern und der Zentralen Arbeitsvermittlung in Frankfurt an. Davon konnten schließlich aber nur weniger als zehn Prozent mit Bewerbern von dort besetzt werden. Die besten Leute kamen über Stellenanzeigen in Tages- und Wochenzeitungen, über Plakatwerbung und über die Lufthansa-Informationsvorträge an Schulen und Fachhochschulen.

„Bei einer Fluggesellschaft sind die Anforderungen an die Arbeitskräfte besonders hoch. Nicht nur, daß sie fachlich qualifiziert sein müssen. Sie brauchen zusätzlich ein hohes Maß an Zuverlässigkeit, Präzision und die Bereitschaft, sich ständig weiterzubilden.“ Gerade solche Fähigkeiten vermißt aber die Lufthansa häufig bei Bewerbern, die vom Arbeitsamt geschickt werden.

Selbst die Bundespost, mit einer halben Million Beschäftigter größter deutscher Arbeitgeber, rekrutiert längst nicht alle ihre Leute auf dem offiziellen Weg. „Bei den gemeldeten Arbeitslosen gilt leider, daß jeder zweite keine abgeschlossene Berufsausbildung hat“, heißt es in der Hamburger Oberpostdirektion.

Von den insgesamt gemeldeten freien Arbeitsplätzen besetzte die Hamburger Post deshalb 1977 nur die Hälfte mit Bewerbern vom Arbeitsamt. Die übrigen Postillione kamen von wegrationalisierten Schreibtischen in anderen Abteilungen. Oder sie wurden durch „Mund-zu-Mund-Werbung“ auf die offenen Stellen aufmerksam gemacht. Dieses Jahr muß die Post wahrscheinlich wieder gezielt mit Anzeigen werben, weil das Arbeitsamt nicht genügend Bewerber schicken kann.