West III, Nord III, HR III, ab Dienstag, 4. Juli, 21 Uhr: "Washington. Hinter verschlossenen Türen", Fernsehfilm in zwölf Teilen, von David W. Rintels und Eric Bercovici, Regie: Gary Nelson. Die weiteren Folgen laufen jeweils am Dienstag und am Sonntag um 21 Uhr.

Vom Gangsterunwesen in Amerika erfahren die deutschen Fernsehzuschauer wöchentlich durch Kojak und "Auf den Straßen von San Francisco"; "Roots" hat ihnen alles über die Schwarzen beigebracht, jetzt werden sie endlich auch einmal einen tiefen Einblick in die amerikanische Politik erhalten. Washington, sonst vornehmlich im Stakkato der Tagesschau abgehandelt, wird diesmal gründlich vorgeführt, zwölf Stunden lang und dann auch noch "hinter verschlossenen Türen". Was sich dort tut, schockt, um es gleich zu sagen, so sehr, daß einem angst und bange werden kann um unser aller Supermacht.

Schon der Vorspann setzt ins düstere Bild. Zu schicksalsschwerer Musik huschen die klischeegeformten Figuren des Marathon-Theaters vorbei: Intriganten und Brutalinskis, Heuchler natürlich und jede Menge Lüstlinge. Jimmy, möchte man rufen, Jimmy! Aber der Saubermann im Weißen Haus kann nichts dafür. Denn das Schurkenstück (hoffentlich merkt es das Publikum) spielt zu den Zeiten, als Richard Nixon noch sein Unwesen am Potomac trieb.

Richard Monckton heißt er in dem Melodrama à clef. Genauso hat ihn John Ehrlichman in seinem "Roman mit Wahrheitsgehalt" genannt, der die Vorlage der Serie bildet. Und Ehrlichman müßte es wissen, denn er war der innenpolitische Chefberater des geschaßten Präsidenten. Aber weiß er es wirklich? Sein Traktat "The Company" erregte schon ebensoviel Ärger wie Interesse, weil es Fakten und Fiktion skrupellos mischte. Jetzt, durch den Fernseh-Wolf gedreht, gerät das Drama der Nixon-Administration vollends zum Wahrheitshack, wird eine vielschichtige Staatskrise als dramatisch verzierter Appetithappen der Geschichte angeboten, der leicht zu schlucken ist, aber schwer im Magen liegt.

Denn so holzschnittartig, wie es die Serie suggeriert, offenbaren sich good guys und bad guys, Finsterlinge und Heroen in der amerikanischen Hauptstadt nun wirklich nicht. Washington ist kein Wilder Westen. Unter Nixon glich es mehr der Szene einer amerikanischen Tragödie als dem Schauplatz für ein shootout zwischen Gangstern und Sheriff. Es gab keinen CIA-Chef – in der Fortsetzungs-Geschichte spielt er eine tragende Rolle –, der vom gepanzerten Cadillac aus die Welt in Atem hielt.

Nein, die Machenschaften der Nixon-Regierung waren dramatisch genug. Sie bedürfen nicht der Dramatisierung durch Romanzen – werden sie heiraten oder werden sie nicht? – und durch Karriere-Krimis – bekommt er den Job im Weißen Haus oder bekommt er ihn nicht? –" die das Opus vielsträngig durchziehen. Die Gummibands Schicksale werden das Publikum sicher bis zur letzten Fortsetzung fesseln. So spannend ist Politik, oder was die Produzenten des Sieben-Millionen-Dollar-Spektakels dafür halten, selten verkauft worden. Auch die Darsteller tun ihr – Bestes, allen voran Oscar-Preisträger Jason Robards alias Monckton.

Nur, Washington porträtiert die Serie nicht. Mag es hinter den verschlossenen Türen der Mächtigen auch häufig fernsehgerecht zugehen, Seifenopern werden, dort gewiß nicht inszeniert.

Dieter Buhl