Sie sind verblüffend sanftmütig miteinander umgegangen. Ihre Angst beteuerten beide, aber jeder versuchte auch, dem anderen Verständnis zu bekunden. Verständnis? Mehr als das. Es war gegenseitige Fürsorge, es war fast Herzlichkeit im Spiel. Der Entführer am einen Ende der Leitung, die Mutter des entführten Kindes am anderen verhielten sich wie Leute, die eine ernsthafte Meinungsverschiedenheit austragen, deswegen aber doch keinen Groll und keinen Gram wollen. „Ich bin dir dankbar“, sagte sie, als er endlich die Rückkehr des Kindes für den nächsten Tag versprochen hatte. „Das ist übertrieben“, sagte er und fügte schnell hinzu: „Ich hab’ dich angerufen, damit du gut schläfst.“

Unterdessen, nämlich von der Nacht zum 17. bis zum Morgen des 24. Oktober 1977, wurde der viereinhalbjährige Felix Wessel in einem Verlies unter einer Autowerkstatt im Hamburger Stadtteil Ottensen festgehalten. Der Kriechkeller – 185 Meter lang, 80 Zentimeter hoch und 85 Zentimeter breit – war notdürftig mit Schaumstoff ausgeschlagen. Licht spendete eine nackte Glühbirne; Luft pumpte ein Kompressor durch einen Schlauch nach. Ernährt wurde Felix mit Kakao, Fruchtsaft, Rosinenbrötchen und Bananen. Seiner Unterhaltung dienten Comic-Hefte, Buntstifte und Spielzeugautos.

Wenn es sich tagsüber einrichten ließ, leistete ein junger Mann, der sich „Klaus“ nannte, dem Kind Gesellschaft. Er freundete sich schnell mit Felix an, malte mit ihm, zum Beispiel ein „Mondgesicht mit Strahlen“, herzählte ihm Märchen, zum Beispiel eins von einem „bösen Bauern“, und turnte mit ihm, damit der Kleine abends müde wurde und bis zum nächsten Morgen durchschlief. Darum bemühte sich „Klaus“ und half gelegentlich mit einer Schlaftablette nach, Weil auch Entführer ihre Freizeit brauchen. Pech hatte er oder vielmehr Felix nur in der ersten Nacht. „Klaus“ hatte das Licht gelöscht, und Felix war es nicht gewohnt, im Dunkeln zu schlafen. Er fürchtete sich.

Sonst nahm der Junge, davon war „Klaus“ überzeugt, das ganze als Abenteuer Schon als man ihn im Haus seiner Mutter im angesehenen Viertel Othmarschen aus dem Bett holte, reagierte er so. Er zupfte „Klaus“ an der Kapuze mit den Sehschlitzen und fragte ihn, was er da für eine komische Mütze übergestülpt habe. Auch die Verständigung klappte, obwohl Felix rechts taub ist und links nur zu 60 Prozent hört. Wenn er etwas nicht begriffen hatte, zeigte er, auf welcher Seite er mehr mitbekam und sagte: „Ins Ohr bitte.“

Für diese gelockerte Stimmung gibt es Beweise: Als die Entführer Felix eine Zeitung in die Hand gaben und ihn photographierten, Um seiner Mutter zu beweisen, daß er noch lebte, lachte oder lächelte er amüsiert in die Kamera. Bei dieser Gelegenheit muß er die Werkstatt, in die man ihn für die Aufnahme hinaufgeholt hatte, gründlich ins Auge gefaßt haben. Später nämlich schilderte er sie genau und half damit der Polizei auf den richtigen Weg.

Ein alles in allem freundlicher Menschenraub? In der Sprache der Staatsanwaltschaft klingt die Geschichte anders. „Klaus“ alias Jürgen Petersen, geboren 1952 in Hamburg, und sein Freund Hans Jürgen Wilsdorf, ein Jahr früher ebenfalls in der Hansestadt geboren, sind angeklagt, „einen andern entführt zu haben, um die Sorge eines Dritten um das Wohl des Opfers zu einer Erpressung – nämlich um eine Million Mark auszunutzen“. Ferner wird ihnen vorgeworfen, Drohung und Gewalt angewendet, sich zu Unrecht bereichert, einen Menschen eingesperrt, ihn körperlich mißhandelt und ihn an seiner Gesundheit geschädigt zu haben.

Nur ein Unterschied in der Sprache? Da klaffen wieder einmal Abgründe zwischen diesem und jenem Verständnis der Sache: Wer hört, wie die Polizei das Loch beschreibt, in dem Felix sieben Tage und Nächte gehockt hat: ein enges, schmutziges, feuchtes, stinkendes Loch, der kann allenfalls die siegreiche Frohnatur des Kindes bestaunen, das die Gefangenschaft tatsächlich so gut wie unbeschadet überstanden zu haben scheint. Er kann darüber hinaus nur der Staatsanwaltschaft beipflichten. Wer aber „Klaus“ hört, seine Töne und Zwischentöne nachschmeckt und – in ständigem Zweifel. – die Haltung dieses Angeklagten vor Gericht belauert, seine von Grund auf und immer während brave Haltung, der kommt nicht von der Vermutung herunter, daß hier ein immer und von Grund auf anständiger Junge unbegreiflich in eine schlimme Tat gestolpert ist.