Von Margot Behrends

Die Auswirkungen der Luftverunreinigung mit sauerstoffhaltigen Schwefelverbindungen auf Menschen, Pflanzen und Materialien sind vielseitig und zum Teil noch unzureichend erforscht. Deshalb besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen experimentellen und epidemiologischen Befunden zur Schwefeldioxid (SO2)-Wirkung beim Menschen.

Harte Kritik an Meßplanung, Meßtechnik und Art der Erhebung medizinischer Daten hob 1976 das mit 70 Millionen Dollar bisher aufwendigste Projekt, die CHESS-Studie der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA, aus den Angeln, auf deren Grundlagen auch die deutschen Empfehlungen zur Schwefeldioxid-Emissionsbegrenzung basierten. Kürzlich bemühte sich die Kommission „Reinhaltung der Luft“ des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) in Augsburg bei einem interdisziplinären Kolloquium, neue maximale Immissionskennzahlen (die sogenannten MIK-Werte) zu erarbeiten (Emissionen nennen die Experten die Ausscheidung in die Umwelt, Immissionen die Aufnahme schädlicher Stoffe aus der Luft).

Heftige Kontroversen entstanden dabei um den Wert der bisher gültigen Zahlen. Die Skala der Tagungs-Meinungen reichte von „hohe Kosten für falsche Normen“ bis zu „Die Senkung der SOs-Konzentration hat sich gelohnt“. Allerdings zeichnete sich die Tendenz ab, den Jahres-MIK-Wert künftig etwas höher anzusetzen (also mehr Schwefeldioxid pro Kubikmeter Luft zuzulassen), da einige der diesem Wert zugrunde liegenden Arbeiten heute wissenschaftlich nicht mehr haltbar sind. Eine unproportionale Anhebung soll jedoch keinesfalls in Betracht kommen, weil die umwelthygienischen Erfolge der letzten Zeit sonst aufs Spiel gesetzt würden. Bisher galt als Jahres-Mittelwert eine Schwefeldioxid-Konzentration von 0,1 Milligramm pro Kubikmeter als noch vertretbar; als Tages-Mittelwert galten 0,3 Milligramm pro Kubikmeter und als Halbstundenwert ein Milligramm pro Kubikmeter als zulässig, um die Bevölkerung einschließlich Alter, Kranker und Kinder vor nachteiligen Auswirkungen der Luftverschmutzung zu schützen.

Schätzungsweise 60 Prozent des atmosphärischen Schwefels stammen aus technischen Quellen, den Rest steuert die Natur bei. Nach amerikanischen Berechnungen, die in etwa auch auf europäische Verhältnisse übertragbar sind, entweicht in industrialisierten Ländern pro Kopf und Tag rund ein halbes Kilo Schwefel in die Luft. Bei einem weiteren Ausbau der Energieversorgung, die möglicherweise neue Kohlekraftwerke in Ballungsgebieten nötig macht, kommt der Diskussion dieser Luftverunreinigungen somit große wirtschaftliche Bedeutung zu.

Etwa die Hälfte der Schwefeldioxid-Emissionen kommt direkt mit Regentropfen und Staubpartikeln als nasse oder trockene Ablagerung zur Erde zurück, ein kleiner Teil breitet sich jedoch bis in die Stratosphäre aus. So ist Schwefelsäure im wesentlichen für das beobachtete Absinken des pH-Wertes von Niederschlägen verantwortlich. Ein großer Prozentsatz des Schwefeldioxids wandelt sich in der Atmosphäre zu Sulfataerosolen um; diese schwefelhaltigen Schwebstoffe besitzen eine längere Verweilzeit als Schwefeldioxid und sind deshalb noch in mehr als 1000 Kilometer Entfernung um die Verschmutzungsquelle nachweisbar.

Während jedoch für die Messung der gasförmigen Schwefeldioxid-Emissionen in nicht zu großer Verdünnung ein ausreichendes Instrumentarium zur Verfügung steht, liegt die Überwachung von Sulfat- und Schwefelsäure noch sehr im argen. Noch ist den Fachleuten unklar, welche Partikelgrößen erfaßt werden sollten, ob die Gesamtsulfatbestimmung ausreicht oder ob zusätzlich auch Schwefelsäure gemessen werden muß. Kein Wunder, daß der VDI die Entwicklung einheitlicher Meßverfahren zur Zeit als vordringlich betrachtet.