Von Marlies Menge

Berlin, im Juni Alexander ist vier Jahre, und er singt, daß er, wenn er erst groß ist, Soldat werden und Brücken bauen und Panzer fahren will. Das Lied hat er im Kindergarten gelernt. Vielleicht war es die erste Wehrerziehung, die ihm zuteil wurde; sie wird ihn bis hin zu dem Tage, an dem die allgemeine Wehrpflicht der DDR ihn erfaßt, nie mehr ganz loslassen. Das Fach Wehrkunde (zunächst ein theoretischer Teil mit vier Doppelstunden im Jahr für die 9. und 10. Klassen), das die DDR in diesem Jahr an ihren Schulen einführen will und das die Kirche so heftig bekämpft, ist nicht so neu, wie sich das für viele anhört.

Thomas, in der älteren Kindergartengruppe, hat schon einen ABV besucht, einen Abschnittsbevollmächtigten der Volkspolizei, und sie hatten einen Soldaten im Kindergarten zu Besuch, der ihnen erzählte, was die Soldaten machen, und sich von ihnen erzählen ließ, was die Kinder so machen.

Kolja geht in die Schule, in die zweite Klasse, und ist Jungpionier. Er kennt die zehn Gebote der Jungpioniere und das Pionierversprechen. Er singt: „Soldaten sind vorbeimarschiert, / in gleichem Schritt und Tritt. / Wir Pioniere kennen sie / und laufen fröhlich mit. / Gute Freunde, gute Freunde, / gute Freunde in der Volksarmee. / Sie schützen unsere Heimat, / zu Land, zu Luft und auf der See.“ Er lernt Gedichte auswendig, in denen es heißt: „Überall in unserm Land / halten Menschen Wacht, / schützen uns mit starker Hand, / daß die Sonne lacht.“

Mit seiner Klasse war Kolja in der Kaserne, hat bei der Vereidigung von Soldaten zugesehen. Sie haben mit Soldaten geredet, sich Nahkampfmesser von ihnen zeigen lassen und Gewehre. Am meisten Spaß macht ihm das Pioniermanöver, das einmal im Jahr stattfindet. In Koljas Klasse geht oft der Vater seiner Freundin Ilona mit, weil der bei der Armee ist. „Das letzte Mal mußten wir ganz vorsichtig über einen verminten Berg gehn“, erzählt Kolja, und seine Augen strahlen. „Der war natürlich nicht wirklich vermint. Und auf einmal sagte Ilonas Vater zu mir: Jetzt bist du auf eine Mine getreten, jetzt bist du zerbombt.‘ Und da bin ich als Knochengerippe den Berg heruntergekullert.“

Im letzten Jahr haben die Kinder selber eine Mine gebaut, das war eine Keksrolle mit einem Löffel dran. Am Ende des Manövers haben sie alle ihre Minen aufgegessen. Kolja findet es schade, daß sie nicht richtig gegeneinander kämpfen: „So aus dem Hinterhalt auf die 2 b schießen, vielleicht mit Matsch.“ Statt dessen müssen sie sich an Seilen hochhangeln, mit Ballen weitwerfen, laufen, und die Klasse, welche die Tüchtigsten aufzuweisen hat, ist Sieger.

Koljas Mutter sagt, daß diese Manöver eine andere Art von Wandertag seien. Schlimmer findet sie, daß es an den Schulen grundsätzlich so militärisch zugeht. Jeden Morgen zum Beispiel muß der jeweilige Ordnungsbrigadier, ganze acht Jahre alt, der Klassenlehrerin melden: „Frau Meier, die Klasse 2 a ist vollzählig angetreten.“