Überhaupt ist das System der Entmündigung, das Neuberger im deutschen Fußball eingeführt hat, von einer Ideologie der „verschworenen Gemeinschaft“, der „elf anständigen Jungens“ und manch anderem altbackenen Phrasengut aus Turnvaterzeiten. Die Tatsache, daß Franz Beckenbauer oder Ulrich Stielike nicht in das deutsche Aufgebot berufen wurden, hat nicht zuletzt mit dem Vorwurf zu tun, daß sie um gemeinen Mammons willen ins Ausland gingen; ein Element deutsch-nationaler Empörung über so viel Vaterlands- und sportvergessene Geldschneiderei blieb in allen Weigerungen, sie zu nominieren, unüberhörbar. Unterdessen bestreitet Hermann Neuberger selber seinen Lebensunterhalt auch über den Sport, wenngleich (als Direktor bei der Saarland Toto- und Lotto GmbH) im eigenen Lande. Ideologie ist hier wirklich, was die Traktatliteratur darin sieht: das falsche Bewußtsein der dummen Kerls, erzeugt und verbreitet zum Zwecke von Herrschaft... Es paßt ins Bild dieser Welt von vorgestern, daß die DFB-Funktionäre einem Mann wie Hans-Ulrich Rudel den Zutritt zum Mannschaftslager in Ascochinga erlaubten, einem ehemaligen Spieler wie Günter Netzer dagegen nicht

Joachim Fest in der ‚Frankfurter Allgemeine“ vom 26. Juni 1978

Intendanten-Börse: Flimm, Rühle, Doll und andere

Der Karrierekampf um Deutschlands Schauspielbühnen nimmt immer schärfere (und groteskere) Formen an. Seit einigen Monaten hatte man fest damit gerechnet, daß der Feuilleton-Chef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Günther Rühle, als Nachfolger von Hans Lietzau Generalintendant des Berliner Schiller-Theaters wird. Rühle hatte, vernünftigerweise, seine endgültige Zusage davon abhängig gemacht, daß es ihm gelänge, die richtigen Mitarbeiter für die wichtigen Positionen zu finden. Rühles erste Mannschafts-Aufstellung (mit den Regisseuren Niels-Peter Rudolph und Jürgen Flimm) zerschlug sich; seine zweite, noch attraktivere (mit Peter Zadek, Luc Bondy, Adolf Dresen) stieß offenbar auf Mißtrauen beim Berliner Senat. So gaben der Kultursenator Sauberzweig und der Journalist Rühle in der vergangenen Woche lapidar bekannt, sie hätten „in gegenseitigem Einvernehmen“ auf einen Vertragsabschluß verzichtet – was immer die dubiose Formel bedeuten mag. Denn Öffentlichkeit, geschweige denn eine Mitsprache des Ensembles, hat es auch bei diesem Karrierekampf nicht gegeben. Statt Informationen hörte man nur Gerüchte – und keine guten. Wenn es wahr ist, daß vor allem die Vorbehalte der Berliner Kulturbehörde gegen das Team Zadek/Bondy/Dresen eine Einigung mit Rühle verhindert haben, dann wäre dies ein Armutszeugnis für die Sachkenntnis und Courage verantwortlicher Kulturpolitiker. Und auch nicht eben ein Ruhmesblatt für die Weltstadt Berlin ist die Nachricht, nach Rühle sei nun dem Stuttgarter Intendanten Hans Peter Doll die Leitung des Schiller-Theaters angeboten worden. Doll hat zwar mit einigem administrativen Geschick Claus Peymanns Stuttgarter Arbeit unterstützt – wann immer aber das Theater unter politischen Druck geriet, hat er sich vornehm (um nicht zu sagen: schändlich) zurückgehalten. Ein guter Verwalter, ein noch besserer Taktierer: das scheint, der Ideal-Typus des neuen Intendanten zu werden. In Köln dagegen machte ein Künstler Karriere: Der RegisseurJürgenFlimm wird als Nachfolger Hansgünther Heymes das Schauspielhaus leiten, unterstützt vom bisherigen WDR-Dramaturgen Volker Canaris. Noch völlig ungeklärt: wer ab 1979 das nach dem Krach zwischen Dieter Biallas und Ivan Nagel von Verwaisung bedrohte Deutsche Schauspielhaus in Hamburg leiten soll.

Augsteins Optimismus

Über das neue deutsche Kino und seine Rolle im Filmverlag der Autoren ( den er zu 51 Prozent kontrolliert) gab Rudolf Augstein dem amerikanischen Showbusiness-Blatt Variety jüngst ein Interview. Augstein, in der Überschrift als „Press Baron“ eingeführt, auf die Frage der Amerikaner, warum er in ein so riskantes Geschäft wie den Film eingestiegen sei: „Ich bin 54 Jahre alt, und wenn die Chinesen nicht in Europa einmarschieren, habe ich genug Geld, um das zu machen.“ Über die jungen deutschen Filmemacher, die ihre Filme überwiegend durch den Filmverlag verleihen: „Sie glauben, daß sie alles machen können, aber ich glaube, daß sie einen falschen Weg einschlagen. Bei ihnen gibt es eine Tendenz zu sagen: Ich bin ein Genie, aber sehr wenige haben Filme von internationalem Standard gemacht“. Optimistisch ist der „Hereingeber“, der immer wieder Wert auf die Feststellung legt, zwischen seinem Engagement beim Filmverlag und seinen „Spiegel“-Verpflichtungen gebe es keinen Zusammenhang, schließlich dennoch: „Unser Erfolg ist sichtbar, die Firma steht sowohl im Ausland als auch in Deutschland gut da. Die ausländischen Intellektuellen kennen unsere Filme, nur das Publikum noch nicht. Aber wir haben alles geschafft, was wir in der kurzen Zeit erreichen konnten.“

Emanuelas Kulleraugen