Der Umsturz in Kabul: Kein Machwerk von Kremlagenten

Von Andreas Kohlschütter

Kabul, Anfang Juli

Lärm in Kabul: Putschende Armeeinheiten schießen sich mit Panzern und Schützenpanzern in den Regierungspalast. Linke, sowjetfreundliche Militärs und Politiker reißen über die Leichen des Republikspräsidenten Mohammad Daud, seiner nächsten Verwandten und führenden Minister die Macht an sich, im Zeichen von „Revolution, Demokratie und Fortschritt“. Und Mohammad Taraki, der neue Staatschef und Vorsitzende des Revolutionsrates, verkündete am 28. April den „totalen Bruch mit der Vergangenheit“.

Viel Lärm um Afghanistan: Im Iran glaubt sich der Schah auch von seiner Ostgrenze her durch sowjetkommunistische Kräfte bedroht und eingekreist. In Pakistan bangen die wackligen Anti-Bhutto-Generale um Ruhe und Ordnung in den von sezessionistischen Paschtunen und Belutschen bevölkerten Westprovinzen. Saudi-Arabien sieht einen islamischen Dominostein unter marxistischem Sturm fallen. In Europa und Amerika wächst die Nervosität, es steigt das Analogiefieber. Das Gespenst eines „afghanischen Mengistu“ geht um. Die Gefahr eines „Kubas in Zentralasien“ wird beschworen, das nach dem Golf und dem Indischen Ozean ausgreift. Moskau destabilisiert, expandiert, marschiert angeblich auch hier. Henry Kissinger verurteilt in einem Atemzug die sowjetische „Intervention“ in Afrika und Afghanistan. Zbigniew Brzezinski trägt auf seiner im Weißen Haus zirkulierenden Weltbedrohungskarte einen weiteren roten Pfeil ein.

Arnold Toynbee hätte seine helle Freude. „Für einen Studenten der Menschheitsgeschichte, der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen, ist es unentbehrlich, sich mit Afghanistan zu befassen“, so hatte der große britische Gelehrte seinen Schülern immer wieder geraten.

Jahrtausendelang war das wilde gebirge Land eine Hauptkreuzung der großen Völkerwanderungen und epochalen Kulturannäherung zwischen Ost und West gewesen, eine Schleuse, die China und Indien mit dem Vorderen Orient und dem Mittelmeerraum verband. Welteneroberer wie Kyros, Xerxes und Alexander der Große, Dschinghis Khan und Tamerlan zogen durch, Weltreligionen und Welthandel strömten ein und aus. Im 19. Jahrhundert wurde das klassische „Afghanland auf der Grenze“ zum scharf bewachten Puffer zwischen den verfeindeten imperialistischen Großmächten Rußland und England. Die Briten schickten ihre Bengal lancers in verlustreiche Kämpfe gegen die afghanische Stammes-Soldateska. Sie intrigierten in Kabul und Kandahar, setzten lokale Herrscher ein und ab, um sich die Kosaken vom Leibe zu halten, die Einfallstraße zum indischen Subkontinent russenfrei. An Afghanistans 1200 Kilometer langer Nordgrenze mit Rußland kam die südwärtige Expansion des Zarenreiches zum Halt.