Von Jochen Bieber

Als die „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nahe sie sein mag“, hat Walter Benjamin jene „Aura“ bezeichnet, die vom Kunstwerk im gleichsam unschuldigen Zustand seiner Einzigartigkeit ausgeht. Einzigartige, weil vom „Makel“ technischer Reproduktion noch ganz unberührte Gedichte las die eben Sechsundzwanzigjährige bei der Tagung der Gruppe 47 im Mai 1952 – „vor. Aufregung am Ersticken“. Durchaus vorstellbar also, daß der zur Legende gewordene Eintritt Ingeborg Bachmanns in die Literatur einer Situation sich verdankte, die –, in postauratischer Zeit – eben jenes auratische Moment an Dichtung als bei aller Ungleichzeitigkeit noch Mögliches festzuhalten verstand.

Wie auch immer: ein Vierteljahrhundert danach gibt es wohl kaum einen anderen Autor der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, der so von Aura um- und von der Malaise des Starmythos verstellt ist wie „die“ Bachmann. Schon recht früh galt in ihrem Fall die Faszination der Einzigartigkeit weniger dem Werk als der Person. Und wenn „Künstler oft durch die Art ihrer Nebenbeschäftigungen die Phantasie der anderen weitaus mehr und nachdrücklicher beschäftigen“ als durch ihre Arbeiten, so rückt dieser – ihr – Satz den Schreibenden selbst in die Nähe des Stars.

Die „Nebenbeschäftigung“ aber, mit der sie die (Männer-)Phantasien beschäftigte, war ihre oszillierende Privatheit – keiner, der sie kannte und nicht zuerst darüber redete. Sie muß in Zwischenreichen gelebt haben, in Allianzen von Attitüde und Glanz, von Stilisierung und Stil, von radikalem Selbstbezug und entgrenzter Bereitschaft, sich einzubringen in ein Zusammensein. Ingeborg Bachmann, die man unbefangen noch eine Dichterin nennen konnte, war – so man über sie schrieb – die „grande dame“ und – so man über sie sprach – die „femme fatale“ der Literatur. Dies hatte Folgen. Folgen für das – zurückhaltend formuliert – Unbewußte des-Kritikerlobs. Folgen allerdings auch für die Beharrlichkeit, mit der man glaubte, die Rangfrage. stellen zu müssen, für das Hantieren mit Begriffen wie „Niveau“ und – später dann – „Dämmerung“.

Es ist an der Zeit, ihre Texte wieder zu lesen. Dazu bedürfte es der Bemühung, weitgehend längst fixierte Interpretationsmuster und Bewertungsraster zur Disposition zu stellen. Gelegenheit dazu bietet –

Ingeborg Bachmann: „Gesamtausgabe“, herausgegeben von Christine Koschel, Inge Weidenbaum und Clemens Münster; Piper Verlag, München, 1978; vier Bände, 2400 S., 188,– DM.

Viel Fleißarbeit haben die Herausgeber geleistet. Ergebnis ist eine Ausgabe, die – anerkennend – eine der stellvertretend letzten Hand genannt werden darf. Auch der Verlag hat das seine getan. Ausstattung und Lektorierung der Bände lassen kaum zu wünschen übrig. So weit, so würdig.