Von Marion Rollin

Ein Arzt schildert folgenden Fall: Einer seiner Kollegen war ins-Krankenhaus eingeliefert worden, mit schon bis in die Leber und Lymphknoten vorgedrungenem Magenkrebs. Die Prognose ließ keine Hoffnung mehr. Der Mann wurde trotzdem operiert, um zu verhindern, daß der Tumor in die Bauchhöhle einbrach. Inzwischen hatte die Geschwulst auf die Wirbelsäule übergegriffen. Dem Patienten wurden alle Befunde mitgeteilt, und er war sich ihrer Bedeutung voll bewußt. Trotz steigender Dosen Morphium wuchsen seine Schmerzen.

Am zehnten Tag nach der Bauchhöhlenoperation kam es zu einer schweren Lungenembolie, Wieder wurde mit Erfolg operiert. Nach dem Erwachen gab der Patient zu verstehen, er anerkenne die guten Absichten und das Geschick des Operateurs; zugleich forderte er jedoch ausdrücklich, nichts mehr zu seiner Lebensverlängerung zu unternehmen, falls es noch einmal zu einem Kreislaufversagen kommen sollte, denn seine Schmerzen seien geradezu unerträglich. Er selbst brachte einen entsprechenden Vermerk im Krankenblatt an. Der Chefarzt wußte davon.

Danach kam es noch fünfmal zu einem Herzstillstand; jedesmal wurde er künstlich behoben. Drei weitere Wochen siechte der Patient dahin. Infusionen und Transfusionen sicherten Ernährung, Elektrolyt- und Wasserhaushalt, Antibiotika bekämpften die Infektionen. Das Ende des ärztlichen Berichts: „Am letzten Tage wurden Vorbereitungen zur Dauerbeatmung wegen Versagens des Atemzentrums getroffen, doch es kam zum endgültigen Herzstillstand.“

Vergleichbare Fälle ereignen sich in irgendeinem Krankenzimmer nahezu in jedem Augenblick. Immer wieder stehen Ärzte an jener äußersten Bruchstelle zwischen Leben und Tod vor der Entscheidung, ob sie, alleingelassen mit ihren technischen Möglichkeiten und ihrem Gewissen, Gnade vor Pflicht ergehen lassen sollen. Vom Arzt allein hängt es ab, ob Wohltat zur Plage für den Patienten, ob die Hilfe zu einer Quälerei wird, die nicht Leben verlängert, sondern Sterben hinauszögert. Die Gefahr, daß die technische Durchführbarkeit einer medizinischen Maßnahme zum Maßstab ärztlichen Handelns wird, ist in den letzten Jahren ständig gewachsen. Das hat im wesentlichen drei Gründe:

Erstens: Durch Berufsordnung und Hippokrates-Eid sind die Ärzte zur Lebensverlängerung um jeden Preis verpflichtet. In der Berufsordnung für die deutschen Ärzte von 1970 steht als eines der ersten Gebote ärztlichen Handelns, das Leben der Patienten zu erhalten. Tatsächlich konnte sich der Arzt Jahrhunderte hindurch vom Prinzip der Erhaltung und Verlängerung des Lebens mit allen Mitteln leiten, lassen. Die der Medizin heute zur Verfügung stehenden Mittel sind aber so umfassend geworden, daß, wer sie anwendet, längst nicht mehr automatisch dem Wohl des Patienten dient.

Zweitens: Die Spezialisierung auf Teile des menschlichen Organismus verstellt allzu leicht den Blick auf den ganzen Menschen. Es geht in wissenschaftlich-medizinischer Arbeitsteilung jeweils um den Magen, um die Leber, um das Herz, und hinter all den technisch perfekteren Einzelreparaturen tritt das Schicksal des Patienten zurück. Hierfür ist kein Spezialist mehr zuständig. Der Mensch ist aber mehr als die Summe seiner Teile.