Von Thomas Rothschild

Von ihm stammt der bemerkenswerte Satz,daß, wer nur von Musik etwas verstünde,auch davon nichts verstehe. Fast alles, was Hanns Eisler in seinem Leben gesagt, getan; geschrieben hat, ist aus dieser Haltung heraus zu interpretieren. Darin besteht wohl die Provokation, die er immer noch für so viele bedeutet.

Inder Bundesrepublik wird er nach wie vor nicht so recht ernst genommen. Sein Name taucht immer wieder einmal im Sinne eines „Man müßte mal...“ auf, einige DKP-Songgruppen zieren sich mit seinem Namen, singen seine Kampflieder und betrachten es als Blasphemie, wenn man schüchtern darauf hinweist, daß es darunter auch Minderwertiges gibt, doch ins öffentliche Bewußtsein – vor allem des bürgerlichen Konzertpublikums – ist der Schönberg-Schüler und Komponist der DDR-Hymne nicht gelangt. In der DDR wiederum, wo man schon 1973 seinen 75. Geburtstag und nun seinen 80. ausgiebig mit Konzerten und Tagungen feierte, wird er zu einem Denkmal stilisiert und seiner stacheligen Widerborstigkeit beraubt.

Immerhin: In der Münchner „edition text + kritik“ erschien eine umfassende Monographie von Albrecht Betz. In der DDR schrieb bereits 1961 – ein Jahr vor Eislers Tod – Heinz Alfred Brockhaus eine Biographie. Der Leipziger Reclam Verlag brachte schon frühzeitig Reden und Aufsätze und 1973 die umfangreicheren „Materialien zu einer Dialektik der Musik“ preiswert auf den Markt, und allmählich kommen – zugleich in der DDR und in der Bundesrepublik – in zehn Bänden Eislers Schriften (die Serie III der Gesammelten Werke) heraus. Die Zeitschriften „Sinn und Form“, „Kunst und Gesellschaft“, „Das Argument“ und „alternative“ widmeten Eisler ganze Hefte. Eine Bibliographie stellte 1973 für den Kulturbund der DDR Eberhardt Klemm zusammen, doch auch die oben erwähnten Bücher enthalten zählreiche bibliographische Hinweise.

Wer will, kann sich also über Eisler informieren. Was freilich schwer zu überwinden scheint, ist die Zweiteilung dieses Komponisten und Denkers in den von den einen als ordinär empfundenen Gebrauchsmusiker und den von den anderen als esoterisch beschimpften Zwölfton-Komponisten. In Wirklichkeit bildet Eislers Schaffen eine Einheit, die verbunden ist durch seine zugleich tiefen undbrillant formulierten Überlegungen. So weiß man, daß Brecht es liebte, sich von Eisler ästhetische wie politische Kritik und Anregungen zu holen – das Gespann Brecht-Eisler ist in gewisser Hinsicht dem Tandem Hofmannsthal-Strauss vergleichbar. Wenn der Begriff Dialektik in der Musik einen Sinn hat – auf Eisler trifft er zu, und er kennzeichnet auch das Verhältnis von Konzertstücken, Kompositionen für das Theater und Arbeiterliedern zueinander.

Nicht so sehr ist entscheidend, daß Eisler, der selbst Arbeiterchöre leitete, proletarische Kampflieder schrieb, sondern daß er die Arbeiter ernst nahm. Sie, die die Macht übernehmen sollten, hatten für ihn Anspruch auf einen Anteil an der überlieferten und der zeitgenössischen Musickultur. „Die gesellschaftliche Umfunktionierung der Musik bietet die einzige Möglichkeit, die Qualität zu erhöhen und die neuen Methoden zur Entfaltung zu bringen. Der Versuch moderner Komponisten, durch künstliche Niveausenkung der Musik unter Beibehaltung der alten Rauschgiftfunktion neue Zuhörerschichten zu erreichen, ist keine Lösung.“ Derlei mag manchem ewigen Vereinfacher, der sich gern auf einen mißverstandenen Eisler beruft, dissonant im Ohr Umgen. Oder auch dies von einem Mann, dem das Bewußtsein des Komponisten leitendes Anliegen war: „Aber mit dem fortschrittlichen Bewußtseinszustand ist dem modernen Komponisten noch nicht geholfen, wenn er es nicht versteht, diesen in seiner Musik zu konkretisieren.“

Eislers eigene Versuche, seinen fortschrittlichen Bewußtseinszustand in der Musik zu konkretisieren, sind außerordentlich vielfältig, und den meisten ist mit geläufigen Kategorien der Typologie und der Gattungsanalyse nicht beizukommen. Es ist ein Verdienst der Hanns-Eisler-Tage der DDR, in acht Konzerten, zwei Filmvorführungen, zwei Kolloquiumssitzungen und einer Festveranstaltung die ganze Breite des Schaffens des Jubilars, der dieser Tage achtzig geworden wäre, vorgeführt zu haben. Solistische und Chorlieder, solche mit politischen und mit unpolitischen Texten, kabarettistische und klassenkämpferische standen neben der „Deutschen Symphonie“, den „Vierzehn Arten den Regen zu beschreiben“, Sonaten und Filmmusiken. Der Schauspielergesang einer Sonja Kehler konnte verglichen werden mit dem Sopran der als Sängerin geschulten und als Interpretin moderner Lieder gerühmten Roswitha Trexler. Wer Eisler nur als Vertoner des „Solidaritätslieds“ oder des „Einheitsfrontlieds“ kennt, konnte hier seine Wunder erleben und so ganz nebenbei auch den Texter Eisler entdecken.