Von Heinz Blüthmann

Als am Morgen des 16. März kurz vor dem Wachwechsel um 9.45 Uhr die Ruderanlage des bis zur Halskrause mit Rohöl beladenden Supertankers „Amoco Cadiz“ bei der Einfahrt in den englischen Kanal ihren Dienst quittierte, waren es noch genau elf Stunden und 19 Minuten – der Countdown zur größten Ölkatastrophe aller Zeiten hatte begonnen.

Mit gestoppten Maschinen begann der unter Liberia-Flagge fahrende Tankerriese mit 220 000 Tonnen Nahostöl im Bauch in der schweren Atlantikdünung unter dem Druck von Wind und Wasser das letzte Stück seiner letzten Reise – 26 Seemeilen bis zu den scharfgezackten Felsen vor dem französischen Fischerort Portsall.

Was in dieser Zeit geschah oder besser: nicht geschah, um den auf mittlerweile eine Viertelmilliarde Mark (ohne den Wert des Schiffes und der Ladung) geschätzten Umweltschaden an der Bretagne-Küste zu verhindern, untersuchte bis zum Samstag vergangener Woche das in London residierende – dem Seeamt hierzulande vergleichbare – Liberian Board of Inquiry.

Sein Vorsitzender Sir Gordon Willmer, früher Marinerichter der englischen Krone, will seinen Spruch zwar erst im Herbst bekanntgeben. Doch bereits am vergangenen Dienstag beim Verhör des Zweiten Offiziers der „Amoco Cadiz“, Cosmo Vaudo, ließ Sir Gordon deutlich erkennen, was seiner Ansicht nach die italienische Mannschaft des steuerlosen Ölriesen sofort nach Auftreten des verhängnisvollen Defekts hätte tun müssen: Schlepperhilfe anfordern und beide Anker klarmachen zum Werfen.

Offizier Vaudo indessen, ebenso wie Kapitän Pasquale Bardari, hielt es mehr mit der Maxime, seiner Reederei, der Amoco Transport Co. in Chicago, unnötige Kosten, wenn es denn irgend geht, zu ersparen. Obwohl zunehmender Sturm und eine kräftige Strömung den hilflosen Tanker mit einer Geschwindigkeit von anfangs zwei, später drei und mehr Seemeilen in der Stunde schräg auf die bretonische Küste zutrieben, die nur zehn Seemeilen querab lag, baten sie weder sofort um Schlepperhilfe, noch erwogen sie ernsthaft ein Ankermanöver. Vaudo: „... weil wir die Anker hätten verlieren können.“

Der verdutzte Sir Gordon daraufhin zum italienischen Offizier: „Haben Sie jemals von dem Ausdruck gehört: zu wenig, zu spät?“ Vaudo gibt ungerührt zurück, daß er davon noch nichts gehört habe.