Von Josef Müller-Marein

Unter einem Titel, der vage an die Aggressivität des französischen Filmstreifens „Français, si vous saviez“ („Franzosen, wenn ihr wüßtet“) erinnert, hat Joseph Rovan, gebürtiger Deutscher (1918) und heute Germanist an der Universität Paris-Vincennes, ein schmales, jedoch bedeutendes Buch geschrieben, das denn auch in Frankreich eifrig diskutiert wird:

L’allemagnc n’est pas ce que vous croyez („Deutschland – nicht so wie Sie glauben“); Editions du Seuil, Paris 1978; 112 Seiten, 28 frs.

Weiß man, daß der ausgezeichnete Gelehrte seine Geburtsstadt München in jungen Jahren verließ, weil er sie verlassen mußte; bedenkt man auch seine Angehörigkeit zu Résistance und seine Deportation nach Dachau – so hat man allen Grund, das Porträt, das er von der Bundesrepublik zeichnet, sorgfältig zu studieren. Er zeichnet deren Bild aber auch, wie es sich in den Augen eines Teils der französischen Intellektuellen spiegelt. Er nennt – ein durch und durch nobler Geist – dies Bild nicht etwa dumm. Er nennt es falsch.

Nun trifft es sich, daß der deutsch-französische Freundschaftsvertrag, den Adenauer und de Gaulle 1963 schlossen, gegenwärtig sein fünfzehnjähriges Jubiläum hat. Die Partner sollten seiner froh sein: Dies ist nicht nur unsere, sondern auch Rovans Meinung. „Frankreich und Deutschland sind einander die ersten wirtschaftlichen Partner geworden“, so leitet er seine Betrachtung ein, die eine leidenschaftliche Verteidigung ist, „Die beiden Regierungen unternehmen auf internationaler Ebene und häufig selbst auf innerpolitischem Feld keine Aktion, ohne einander zuvor konsultiert zu haben. Es ist aber nicht weniger wahr, daß unser Nachbar Deutschland viele Franzosen verwirrt und beunruhigt, so daß ein weiter Teil der öffentlichen Meinung heute den Eindruck hat, daß es in der Bundesrepublik die Demokraten seien, welche die Demokratie bedrohen, und daß die extremistischen Terroristen sie verteidigen.“

Dies ist der Ausgangspunkt, der den Autor einen Weg antreten läßt, an dessen Ende die Überzeugung steht: „Indem sie die deutsche Demokratie angreifen, zielen sie zugleich auf die französische Demokratie.“

Die Lektüre ist ein intellektuelles Vergnügen, wenngleich es darauf dem Autor zweifellos am wenigsten ankommt. Er formuliert nicht, um zu formulieren. Aber er erliegt der Begierde, alles genau und präzise darzustellen: „Vergegenwärtigen wir uns ein Frankreich in den Grenzen von...“ 1870. Ohne Lothringen, ohne das Elsaß, ohne die Franche-Comte, ohne Savoyen, ohne das Dauphiné, ohne die Provence!“ Mein Gott, wo kommen wir da hin! Joseph Rovan erwidert hier kaltblütig, daß die Deutschen genau dahin gekommen sind. Wie können sie sich damit abfinden? Sie haben sich abgefunden.