Paris, im Juli

Zwei Monarchen hielten hof in Madrid: Juan Carlos, König von Spanien, der eine, Valéry Giscard d’Estaing, Präsident der Französischen Republik, der andere. Der Präsident, der wohl nichts gegen den Titel eines Königs einzuwenden hätte, überhäufte den König, der wohl gern Präsident seines Landes wäre, mit überschwenglichen Komplimenten. Dann übermittelte der Gast aus dem Norden sein Geschenk, einen einzigen Satz: "Der Eintritt Spaniens in die Europäische Gemeinschaft entspricht nicht nur einem legitimen Bestreben, er entspricht der Natur der Dinge und dem Interesse Europas." Giscard, der Europäer, hatte gesprochen – und Spanien jubelte, als habe er für Europa gesprochen.

Giscard trat in Madrid eindrucksvoll auf: nicht nur gewandt und strahlend, sondern auch selbstbewußt und zupackend. Was machte es schon, daß sogar viele seiner politischen Verbündeten den Spaniern am liebsten die Tür vorder Nase zuschlagen würden? Daß er von seinen europäischen Partnern keinerlei Mandat hatte, auch in ihrem Namen zu sprechen? Giscard nutzte einfach die Gelegenheit, sein neues Selbstverständnis zu demonstrieren: das eines Bürgerkönigs, der sein Land nach einer gerade noch abgewendeten Revolution gütig, aber wieder mit fester Hand regiert; das des weitblickenden Staatenlenkers, der davon überzeugt ist, daß seine Verbündeten die Richtigkeit seiner Politik schon einsehen werden.

Giscard steuert einen neuen Kurs. Man hat ihm zu Recht vorgehalten, er verwechsle Taktieren mit Taktik, Publicity mit Reformen. Doch seit den Wahlen im März geht der Mann im Elysée Risiken ein, die ihm zuvor verwegen vorgekommen wären. Er hat in einem Vierteljahr mehr Statur gewonnen als in den vier Jahren zuvor. Giscard macht endlich Politik, und er macht mehr denn je seine Politik. Sein Wahlsieg hat Frankreich zwar noch nicht den versprochenen Wandel beschert, dafür aber einen gewandelten Präsidenten.

Wer hätte es zum Beispiel vor einem halben Jahr für möglich gehalten, daß Giscard mitten in einer Zeit der Arbeitslosigkeit und Inflation den Mut zu einer neuen, risikoreichen Wirtschaftspolitik aufbringen würde? Plötzlich ist Frankreich dabei, eine jahrhundertealte dirigistische Tradition in Frage zu stellen. Der Staat soll nicht länger der Gendarm sein, der überall seine Vorschriften erläßt und gleichzeitig tief in seine Geldtasche greift, wenn Not am Mann ist. Die Industrie soll endlich ihre Preise so festsetzen, daß nicht der staatliche Aufpasser, sondern der Markt über ihre Gültigkeit entscheidet. Und wer schlecht wirtschaftet, muß sehen, wie er zurechtkommt. Der Staatspräsident setzt auf die Marktwirtschaft, die seit den fernen Tagen eines Jean-Baptiste Colbert den Franzosen als intellektuelle Verirrung galt.

Doch Giscard wird auch von seinen Widersachern ernster genommen. Der Beweis: Das Verhältnis zur Opposition normalisiert sich. Jahrelang predigte der Mann im Elysée vergeblich die "Entkrampfung"! Regierung und Opposition mieden sich wie die Pest, hinter jedem Händedruck politischer Gegner wurde sofort eine Verschwörung gewittert. Nun hat Sozialistenführer François Mitterrand schon zum zweitenmal seit den Wahlen den Weg ins Elysée gefunden, gefolgt vom Fraktionschef der Kommunisten. Regierung und Opposition machen keine gemeinsame Politik, aber zum erstenmal seit 20 Jahren reden sie wieder miteinander, ohne sich dafür vor der Öffentlichkeit zu entschuldigen.