Rudolf Bahro: verurteilt aus Rache

Von Joachim Nawrocki

Rudolf Bahro muß ins Gefängnis, weil er gedacht hat. Wenn einer, der vielleicht jahrelang nur nach Dogmen gelebt und gehandelt hat, nachdenklich wird, wenn er nachhakt, Beweise für seine Thesen sucht, sich nach ihnen richten will, dann sammelt er – im weitesten Sinn – auch Nachrichten. Ohne Faktensammlung und Faktenanalyse ist produktives Denken nicht möglich. Bahro hat nicht davon lassen können, seine Zweifel mit Ereignissen, die das Leben schrieb, zu erhärten. Das hat man ihm nun als verbotenes Sammeln von Nachrichten angekreidet. Bahro hat die Ergebnisse seines Denkens publiziert. Das gilt jetzt als Geheimnisverrat. Macht zusammen acht Jahre – selbst aufrechte Kommunisten schämen sich wegen eines solchen Urteils.

Das Ganze erinnert an einen alten Witz aus dem Ostblock. Ein Mann ruft lauthals auf der Straße, das Politbüro sei eine Ansammlung von unfähigen, machtbesessenen Männern. Er wird verurteilt. Warum? Wegen Verleumdung? Nein, wegen Geheimnisverrats. Die traurige Wirklichkeit ist von diesem Witz nicht weit entfernt. Bahro selber hat nicht nur den Prozeß seiner Verfemung in jeder Phase vorhergesehen, er hat auch die Mechanismen dieses Prozesses bereits in seinem Buch „Die Alternative“ offengelegt: „Der Parteiapparat als Kern der Staatsmacht bedeutet den säkularisierten Gottesstaat, wie er der Kirche zu ihrem Glück nie anders als lokal gelungen ist. Da er auf diese Weise in der Tat ‚für alles verantwortlich‘ ist, muß er jede Distanzierung von den Details der bürokratischen Praxis als ideologische Ketzerei verdächtigen.“

Das genau ist der Grund für den aberwitzigen Vorgang, daß Kommunisten einen Kommunisten einsperren, der das System nicht abschaffen, sondern humaner und effektiver machen will. Ein Mann, der sein Weltbild, den Marxismus, auf seine Weise interpretiert und dabei zu anderen Ergebnissen kommt als seine Oberen, wurde mundtot gemacht. Das war nur möglich, weil sich die SED – wie ihre große Bruderpartei – zu dem unsinnigen Dogma verstiegen hat, die Partei habe immer recht. Wer klüger sein will als die Partei (so hat es Ulbricht einmal formuliert), setzt sich nach dieser Ideologie in Widerspruch zu den Massen, ist Volksfeind.

Der Fall Bahro lehrt, daß es auch für Kommunisten im Ostblock nicht möglich ist, über die eigene Lehre zu diskutieren, damit ihre offenkundigen Schwächen angegangen und die Deformationen bei ihrer Anwendung überwunden werden. Das System ist unbeweglich, starr, nicht reformierbar. Nicht nur deshalb, aber auch deshalb, hat es keine Zukunft.

Die Welt wandelt sich ständig. Die technische Revolution ist atemberaubend. Die Ressourcen der Menschheit erscheinen plötzlich nicht mehr als unbegrenzt. Die Bedürfnisse und Prioritäten wandeln sich. Der Wachstumsfetischismus ist fragwürdig geworden. Aber die Staatsparteien im Ostblock glauben, sie könnten alle Probleme, die von heute und die von morgen, mit einem Instrument lösen, das ein halbes Jahrhundert alt ist – zum Teil noch älter, denn viele Mechanismen und gesellschaftlichen Zwänge lassen sich nur mit dem Zentralismus und Institutionalismus des russischen Zarenreiches erklären.