Von Petra Kipphoff

Im Pavillon der Israelis riecht es etwas streng: die 16 Schafe, die sich hier abwechselnd auf der Empore die Hufe vertreten oder über einen schmalen Gang auf eine Art Terrasse streben, um auch mal frische Luft zu schöpfen, verströmen Düfte, die außergewöhnlich sind in einer Kunstausstellung. Bei so viel Pastorale ’78 kommt die Erinnerung an Beethovens opus 68, und mehr noch als das einstimmende Summen zur Beschleunigung des „Erwachens heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“ erweist sich Beethovens Motto als eine die Jahrhunderte der Schäfereien überspringende Lebenshilfe. „Mehr Ausdruck der Empfindungen als Malerei“, schrieb er als charakterisierende Interpretationshilfe über seine 6. Symphonie. Was auch immer die venezianischen Schafsköpfe an Empfindungen ausdrücken mögen: Malerisches hat man auch hier weniger vor sich.

Aber Kunst. Im Katalog zu dieser Veranstaltung von Menashe Kadishman (auf der documenta ’68 machte er noch Skulpturen aus Stahl und Plexiglas) wird konstatiert: „Eine Schafherde ist ein Kunstwerk und ihr Verhalten ist ein künstlerischer Vorgang.“ Womit auch die Deutung der Düfte ästhetisch abgesichert ist. Man wird sich das merken und beim nächsten Besuch auf dem schleswig-holsteinischen Land dem Bauern Jürs weitergeben. Der hat zwar Kühe im Stall stehen und keine Schafe, aber Milch und Mist produzieren diese Tiere wie jene, und wissen soll der Bauer Jürs wenigstens, daß ihm zum Künstler nur die angemessene Umgebung für seine Kühe fehlt. Ein Tapetenwechsel der Tiere würde zum Berufswechsel des Besitzers reichen. Und auf der diesjährigen Biennale wäre das Wachstum der Kunst auch gleich auf eine dem neuen Künstler aus seinem alten Dasein als Bauer durchaus bekannte Weise zu befördern. Gleich am Eingang der Giardini, zwischen deren Busch- und Baumbeständen die nationalen Pavillons teils wie Museumsattrappen und teils wie Mausoleen stehen, ruhte in einem Gatter ein echter, ausgewachsener Bulle. Jenseits der Umzäunung stand eine unechte, auf Räder montierte Kuh. Am Morgen des 30. Juni hat dann, so berichten Augenzeugen, der Stier dem ins Gatter gerollten Kuhfell den Samen abgeliefert. Und wer glaubte, sich hier zu einer Viehbesamungszentrale verirrt zu haben, der wurde auch in diesem Fall mit einem Katalogtext in die Reiche von Kunst und Kultur zurückgeführt. Antonio Paradiso, der diesen fruchtbaren Einfall zu Ehren Italiens hatte, weist mit seinem Werk auf den Kontrast zwischen „einer archaischen und geheimnisvollen Lebenskraft“ und ihrer „rationalistisch mechanischen Kontrolle“ hin. Enrico Crispolti, der das schreibt, gilt als ein angesehener Kunstkritiker. Aber wie dem Bauern die Kunst, steht ihm ja jetzt vielleicht die Landwirtschaft offen.

Der Vollständigkeit halber muß hinzugefügt werden: Das Aufgebot der Tiere in Venedig umfaßte außerdem noch einen Papagei, der auf Kakteenreihen in Metallkästen herabschaute, von Jannis Kounellis; Fische, die der Holländer Krijn Griezen schlachtete, in einer Strohhütte räucherte und dann als Appetithappen anbot (andere waren, getrocknet und präpariert, im Pavillon zu besichtigen); das Skelett eines Hundes, das, bei Fuß an der Leine, von Gino De Dominicis unter dem Titel „Die Zeit, der Irrtum, der Raum“ neben dem Skelett seines Herren deponiert ist.

Als die Biennale, wie alle institutionalisierten Darbietungen der Kunst, in den vergangenen Jahren heftig ins Schleudern geriet (und, als eine teils mit allmächtigen nationalen Kommissaren und teils mit ohnmächtigen italienischen Regional-Politikern besetzte Posse dem Exitus recht nahe war), ersann man als eine mögliche, die zerstreuten und zerstrittenen Interessenten wieder zusammenführende Rettungsmaßnahme die thematisch bestimmte Eingrenzung. Bei der Biennale ’76 war das Ergebnis der Losung „Der Raum in der Kunst“ erstaunlich vielfältig, phantasievoll, aufschlußreich (künstlerisches Wohlverhalten, das durch eine solche Parole provoziert werden kann, war kaum zu bemerken). In der großen historischen Übersichtsschau wurde die Okkupation des Raums durch die bildnerischen und skulpturalen Elemente an Beispielen zwischen Mondrian und Duchamp gezeigt. Und im fliegenden Wechsel wurde das Thema zeitgenössisch aufgenommen in Sol Lewitts raumgreifenden Wandzeichnungen und in Maria Nordmanns Zeit und Orientierung auflösendem Lichtraum. Diese überzeugenden Variationen eines Themas, nicht zum Thema erfunden, sondern Belege einer kontinuierlich irritierenden Thematik seit der Erfindung der Zentralperspektive im 15. Jahrhundert, waren zwar nicht in der quantitativen Überzahl, was bei solch einer Olympiade der Kunst auch ausgeschlossen ist, wohl aber in der qualitativen Obermacht.

Für die Biennale ’78 war das Thema „Von der Natur zur Kunst – Von der Kunst zur Natur“ als Losung ausgegeben worden – ein schönes Thema, wenn man es jetzt so auf orangefarbenem Tuch an den Dampferanlegestellen am Canale Grande ausgespannt sieht: „Dalla natura all’ arte dall’ arte alla natura“; ein ungemein aktuelles Thema, wenn man an die Wahlerfolge der bunten und grünen Listen denkt, die mit einem Schmetterling und einem „Atomkraft – nein Danke“-Button den etablierten Parteien die Wähler weglocken. In den Giardini wird das Thema dann aber von 27 Nationen so herzhaft verschlissen, daß man sich, die Biennale hat ja nun überlebt, die Rückkehr zu dem Ausstellungsmodus wünscht, demzufolge jeder einfach das zeigt, was er für Kunst hält. Das hätte immerhin den Vorteil, daß das Feigenblatt, durch das jetzt so manche Platitüde legitimiert scheint, wegfiele und Scharlatane nackt dastünden.