Von Michael Jungblut

Als die Staats- und Regierungschefs der führenden westlichen Industrienationen im November 1975 in Rambouillet bei Paris zu ihrer ersten Weltwirtschaftskonferenz zusammentrafen, um über eine gemeinsame Strategie im Kampf gegen die globale Krise zu beraten, suchten innerhalb der Europäischen Gemeinschaft 5,2 Millionen Menschen vergeblich nach einem Arbeitsplatz. In den Vereinigten Staaten waren 7,8 Millionen Männer und Frauen ohne Job. In Japan waren eine Million offiziell als arbeitslos registriert. „Unsere wichtigste Aufgabe ist es, die Erholung unserer Volkswirtschaften sicherzustellen und die Vergeudung menschlicher Arbeitskraft infolge Arbeitslosigkeit abzubauen“, verkündeten die versammelten Staatsmänner daher zum Abschluß ihrer dreitägigen Beratungen auf Schloß Rambouillet.

Diesen Schwur wiederholten sie auch nach den Gipfelkonferenzen von Puerto Rico 1976 und London 1977 – ergänzt um das Gelöbnis, mit vereinten Kräften gegen die Inflation „als eine der Hauptursachen“ der Arbeitslosigkeit und gegen die Versuchung zu kämpfen, das „Heil im Handelsprotektionismus zu suchen“. Denn, so hatten die Spitzenpolitiker nicht zuletzt dank intensiver Belehrung durch den deutschen Kanzler erkannt: „Eine protektionistische Politik verstärkt die Arbeitslosigkeit, vermehrt die Inflation und mindert das Wohl unserer Völker.“

Bei der vierten Weltwirtschaftskonferenz, die nach einer europäischen „Vorrunde“ in Bremen Mitte Juli in Bonn stattfindet, werden die versammelten Staats- und Regierungschefs jedoch feststellen müssen, daß sie bisher keines ihrer einst feierlich proklamierten Ziele erreicht haben. Von manchen sind sie sogar weiter denn je entfernt:

  • Innerhalb der Europäischen Gemeinschaft erreichte die Arbeitslosigkeit in den ersten Monaten dieses Jahres mit 6,3 Millionen den bisher höchsten Stand und lag trotz günstiger saisonaler Einflüsse auch zur Jahresmitte höher als zur Zeit der ersten Weltwirtschaftskonferenz. In den USA wurde die Arbeitslosenzahl in den vergangenen vier Jahren allerdings auf gut sechs Millionen gedrückt. Japan gibt 1,4 Millionen Arbeitssuchende zu; nach europäischen Maßstäben gemessen dürften es erheblich mehr sein, wie sich aus einer Studie der VW-Stiftung ergibt.
  • Die meisten Industrieländer konnten die Inflation zwar eindämmen, sind von Stabilität aber, immer noch weit entfernt.
  • Die Ungleichgewichte in den Leistungs- und Zahlungsbilanzen sind immer noch groß. Die Lage der USA hat sich sogar drastisch verschlechtert. Während die Amerikaner 1975 noch einen Überschuß von 11,6 Milliarden Dollar vorzeigen konnten, mußten sie 1976 ein Defizit von 1,4 Milliarden Dollar in ihrer Zahlungsbilanz ausweisen. Im vergangenen Jahr waren es dann vor allem auf Grund der hohen Ölimporte sogar 19,5 Milliarden. Wie die bisher vorliegenden Zahlen zeigen, hat sich in diesem Jahr das Verhältnis zwischen Ausgaben und Einnahmen der USA im Ausland keineswegs verbessert. Das bedeutet, daß das Überangebot an Dollar auch weiterhin die Devisenmärkte in Unruhe halten wird. „Kann die Welt auf die Dauer die riesigen Zahlungsbilanzdefizite der größten Wirtschaftsmacht der Welt ertragen, die vor allem eine Folge jährlicher Ölimporte im Wert von 45 Milliarden Dollar sind?“ fragte der deutsche Kanzler Schmidt die Amerikaner, als diesseits und jenseits des Atlantik die letzten Vorbereitungen für den Bonner Gipfel getroffen wurden.
  • Im Kampf gegen den Protektionismus wurden keine Siege errungen, sondern nur Rückzugsgefechte geführt. Eine besonders unrühmliche Rolle spielt dabei die Europäische Gemeinschaft, die trotz aller Bekenntnisse zu einem freien und fairen Welthandel immer wieder der Versuchung erlag, doch das „Heil im Handelsprotektionismus zu suchen“. Der deutsche Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff beklagt, daß in den vergangenen vier Jahren weitere drei bis fünf Prozent des Welthandels – das entspricht einem Volumen von dreißig bis fünfzig Milliarden Dollar – zusätzlichen Beschränkungen unterworfen wurden. Die Welthandelsorganisation GATT hat sogar errechnet, daß allein zwischen 1974 und 1976 der Teil des Welthandels, der durch staatliche Eingriffe behindert wird, von 35 auf 40 Prozent stieg.
  • Ein besonders trauriges Kapitel schließlich ist das wirtschaftliche Wachstum. Es war im vergangenen Jahr nur in den USA und Japan mit 4,9 und 5,1 Prozent ausreichend, in Europa aber durchweg unbefriedigend. Frankreich schaffte lediglich drei, Italien zwei Prozent, und Großbritannien kam mit 0,5 Prozent nur knapp an einer Stagnation vorbei. Die Bundesrepublik konnte die von Helmut Schmidt in London voreilig gegebene Zusage, die gesamtwirtschaftliche Leistung um mindestens 3,5 Prozent zu steigern, nicht erfüllen. Die Deutschen schafften nur magere 2,4 Prozent.

Nachdem im ersten Quartal so gut wie kein Wirtschaftswachstum registriert wurde, sind die von der Bundesregierung im Jahreswirtschaftsbericht anvisierten 3,5 Prozent auch in diesem Jahr kaum noch zu erreichen. Helmut Schmidt wird es schwer haben, seinen Gästen in Bonn zu erklären, warum er es trotz aller guten Vorsätze nicht fertigbringt, die deutsche Wirtschaftsmaschine, von der die anderen sich eine große Zugkraft für die Weltkonjunktur erhoffen, auf höhere Touren zu bringen.

Obwohl die Lokomotivtheorie inzwischen of fiziell zum alten Eisen gelegt wurde, erklärt der britische Schatzkanzler Denis Healey jedem, der es hören will, daß „wir es schön gern hätten, wenn die Deutschen ihre Wirtschaft so stimulieren würden, daß mindestens ein Prozent mehr Wachstum erreicht wird“. Und Amerikas Präsident. Jimmy Carter hat noch nie ein Hehl daraus gemacht, daß er von Bonn bei den gemeinsamen Bemühungen der Industrieländer, aus der Flaute herauszurudern, mehr Aktivität erwartet.