Salz, dem im Mittelalter wegen seiner damaligen Seltenheit viele mystische Eigenschaften nachgesagt wurden, könnte möglicherweise wieder eine Kostbarkeit werden – eine ergiebige, bisher ungenutzte Energiequelle. Über die Bedeutung einer technischen Nutzung im großen zu spekulieren, wäre zwar verfrüht. Immerhin aber existieren theoretische Überlegungen, und die sind recht vielversprechend.

Die Methode zur Energiegewinnung aus Salz beruht auf dem physikalischen Phänomen der „Osmose“. Dort wo Salzlösungen unterschiedlicher Konzentration aufeinandertreffen, treten Kräfte auf, die normalerweise im Vermischungsbestreben der Lösungen sichtbar werden. Setzt man jedoch dem Drang der Lösungen nach Vermischung – dem osmotischen Druck – einen Widerstand in Form einer Membran entgegen, wird der Flüssigkeitsspiegel der höher-prozentigen Lösung angehoben. Die aufgestaute Salzlösung kann über Turbinen eines Elektrizitätskraftwerks abfließen und so Strom liefern – vergleichbar den Vorgängen im Wasserkraftwerk einer Talsperre.

Der osmotische Druck ließe sich nun überall dort zur Energiegewinnung nutzen, wo in der Natur Salzlösungen verschiedener Konzentration aufeinandertreffen. Das sind die Meeresmündungen der Flüsse, in denen Süßwasser auf Salzwasser trifft, Während Flußwasser im allgemeinen salzfrei ist, liegt der Salzgehalt der Meere bei durchschnittlich 3,6 Prozent. Diesem Konzentrationsunterschied entspricht ein osmotischer Druck von 24 Atmosphären und diesem wiederum die gewaltige Stauhöhe von 240 Metern. Das ist eine Höhe, die mit denen der höchsten Talsperren der Welt konkurrieren kann. Kalkulationen amerikanischer Wissenschaftler zufolge wären somit aus den Flußmündungen der USA insgesamt 1,2-10 hocs10 Watt gewinnbar – das ist ein Vielfaches dessen, was heute alle Wasserkraftwerke Amerikas zusammen liefern.

Noch bedeutsamer könnte der Energiegewinn in den Zuflußmündungen großer Salzseen werden. Im Salt Lake (USA) herrscht ein osmotischer Druck von 380 Atmosphären; im Toten Meer sind es sogar 500 Atmosphären.

Unlängst haben die amerikanischen Wissenschaftler Gerald L. Wick und John D. Isaaks in dem Wissenschaftsblatt Science den spektakulären Vorschlag gemacht, die riesigen Salzhöhlen von unter dem Meeresboden lagerndem Erdöl zur Energiegewinnung zu nutzen. In die leergepumpten Salzhöhlen könnte Meerwasser gedrückt, das Salz gelöst und die resultierende hochprozentige Salzlösung an die Meeresoberfläche befördert werden. Dort ließe sich das Druckgefälle zum normalen Seewasser für das Betreiben von Turbinen verwerten. Nach den Schätzungen von Wick und Isaacs könnte man so mit den riesigen Salzmengen eines typischen Salzdomes theoretisch mehr Energie als aus dem zugehörigen Erdölfeld erzeugen.

Daß bei solchen imposanten Werten die großtechnischen Energiegewinne aus Salz nicht längst Wirklichkeit geworden sind, hat seine Ursache darin, daß Membran-Probleme den Wirkungsgrad beträchtlich drücken. Diese Membranen, halbdurchlässige Wände, die zwar dem Lösungsmittel Wasser, nicht aber den gelösten Bestandteilen des Salzes den Durchtritt gestatten, müssen hohen Druck bei großen mechanischen und chemischen Belastungen standhalten. Sie dürfen dabei aber nur sehr dünn sein, da sonst die Durchflußrate sehr klein wird. Außerdem verstopfen Membranen sehr schnell. Der noch jungen, sich jedoch stürmisch entwickelnden Membranforschung stellen sich hier neue Aufgaben.

Freilich wirft die Realisierung der Energiegewinnung aus Salz neben dem technischen auch Umwelt-Probleme auf. Die Trennung von Fluß- und Seewasser hätte katastrophale Auswirkungen auf durchzuschleusende Fische. Weil die Zellflüssigkeit der Organismen auf den osmotischen Druck der Umgebung eingestellt ist, könnten sie eine starke plötzliche Druckänderung kaum überleben. Abhilfe ließe sich durch eine Reihe hintereinanderliegender Schleusen-Bassins schaffen, in deren Wasser der Salzgehalt schrittweise geändert würde. Möglicherweise hätte auch der Wegfall von Gezeitenunterschieden in den Mündungen Konsequenzen für Flora und Fauna in den Oberläufen der Flüsse. Größer könnten die Probleme bei der Nutzung der Salzdome werden. Zwar würde sich die Salzkonzentration des Meerwassers theoretisch wegen seiner riesigen Menge nur um ein Promille erhöhen, wenn man im Ozean selbst das Salz von mehr als einhunderttausend Salzdomen lösen würde, und dieser globale Vermischungsprozeß würde sehr lange dauern. Welche Konsequenzen entstehen aber lokal dort, wo Salzwasser starker Konzentration ins Meer geleitet wird?