NORD III, WDR III, HR III, Sonnabend, 8. Juli, 22 Uhr: "Sing, Iris, Sing – Frauen lernen Männerberufe", Dokumentarfilm von Monika Held und Gisela Tuchtenhagen.

Iris singt nicht mehr. Nach einem Jahr Umschulung scheiterte ihr Versuch, sich beruflich zu qualifizieren. Sie wurde krank, aber sie sagt: "Dieses Jahr war unheimlich schön, das kann mir keiner mehr wegnehmen." Krank wurde auch die energische Annette, auch sie mußte die Ausbildung abbrechen und arbeitet jetzt wieder als Packerin.

Die beiden Frauen sind nicht die einzigen, die scheiterten. Auf der Hälfte der Strecke haben nur noch 16 von einst 32 Frauen die Hoffnung, es bis zur Elektronikerin oder Metallfacharbeiterin zu schaffen – in einem Umschulungslehrgang, den das Berufsförderungszentrum in Essen unter dem Motto "Frauen lernen Männerberufe" veranstaltet.

Diese deprimierende Bilanz mag Böswillige in ihrem Vorurteil bestärken: Frauen sind eben beschränkt, die Natur hat ihnen technisches Verständnis versagt. Ich bin mir nicht sicher, ob der Film so bornierte Ansichten korrigieren kann. Das mag an der Methode liegen: Die Autorinnen haben eine reine Dokumentation verfaßt, fünf Wochen lang den Alltag der Frauen abgefilmt. Daraus ist ein manchmal zähflüssiger 90-Minuten-Film geworden, ohne Kommentar, ohne Stellungnahme, ohne Erklärungen. Manches, was das Versagen der Frauen vorprogrammiert, bleibt im Dunkeln, einfach weil es von den Frauen nicht reflektiert und verbalisiert wurde.

Am eindringlichsten noch schildert der Film die Benachteiligung der Frauen durch Familienpflichten, die die Gesellschaft allein ihnen aufbürdet. Die Umschulung auf einen neuen, komplizierten Beruf verlangt eigentlich, daß die Frauen auch zu Hause noch lernen. Doch dazu kommen sie meist gar nicht – sie müssen kochen, waschen, putzen, bügeln, die Kinder hängen ihnen am Hals, verlangen Hilfe erst einmal bei ihren Schularbeiten. "Wenn ich nach Hause komme", erzählt eine junge Frau, "muß ich erstmal Essen kochen. Es ist noch kein Bett gemacht. Dann muß ich mich um meinen Jungen kümmern, er hat Schwierigkeiten in Englisch. Wenn wir beide am nächsten Tag eine Arbeit schreiben müssen, muß ich zuerst ihm helfen." Danach ist sie meist zu erschöpft, um noch für sich arbeiten zu können.

Der Film belegt hier eindringlich die Kritik der Feministinnen an dieser Männergesellschaft, die Frauen, und nur Frauen, in der Entfaltung ihrer Wünsche und Fähigkeiten so sehr einengt: Sie müssen entweder die Familie oder den Beruf vernachlässigen. Angesichts dieser Alternative, die sich Männern so nie stellt, ist klar, wie die Entscheidung auszufallen hat – der Zwang, weniger Wert auf den Beruf zu legen, ist stärker. Bezeichnenderweise haben denn auch hochqualifizierte Frauen in typischen Männerpositionen weder einen Ehemann (54 Prozent) noch Kinder (70 Prozent). Doris, 36 Jahre alt, drei Kinder, einen Ehemann, der ihren Ehrgeiz ständig mies macht, sagt einmal: "Es ist besser, wenn man so eine Umschulung ohne Familie macht." Doris muß sich obendrein noch mit einem wachsenden Minderwertigkeitsgefühl ihres Mannes, der Bergmann ist, auseinandersetzen: Wenn sie es eines Tages bis zur Metallfacharbeiterin gebracht haben wird, wird sie mehr Geld verdienen als er...

Ein ganz entscheidender Grund dafür, daß so viele Frauen in diesem Umschulungslehrgang scheitern, kommt gar nicht zur Sprache: Ihre Schulbildung.

Iris und viele andere Frauen mit ihr sind daran gescheitert. Margrit Gerste