Bremen

Fietje, die Blumenfrau vom Bremer Liebfrauenkirchhof, ist sauer. Am 6. und 7. Juli darf sie nicht da stehen, wo sie seit Jahrzehnten immer steht – ganz nahe beim Rathaus; denn da steht am 6. und 7. Juli Polizei. „Das war nicht mal so, als die Königin von England neulich hier Besuch gemacht hat“, schimpft Frau Fietje. Der Hinweis, sie habe die Ehre, in der Konferenzstadt eines Europa-Gipfels zu wohnen, entlockt, der resoluten Rosenfrau einen wütenden Ausbruch. Sie will sich beim Bürgermeister beschweren. Als sie hört, daß achthundert Journalisten in Breiten erwartet werden, bricht sie fast zusammen: „Das wäre ein Geschäft geworden. – und ich darf hier nicht stehen!“

Zuerst lief der Countdown für das Gipfeltreffen in der Halbmillionenstadt an der Weser unbemerkt von der Öffentlichkeit. In der Stille wurden Sicherheitsvorkehrungen, Sperrungen, Umleitungen geplant. Im Verkehrsverein wurden. Hotelbetten gezählt und verteilt, auf Hamburgs Hotellerie braucht man nicht zurückzugreifen, auch im grünen Umland, auf Niedersachsens Grund und Boden, in Worpswede, und Fischerhunde zum Beispiel, schläft es sich gut, und Journalisten sind ja meist jung und flink (sagen die Planer).

Der Hammer für die Bevölkerung kam ein paar Tage vor dem großen Ereignis. Die Bremer erfuhren: die Innenstadt ist so gut wie dicht, die Märkte werden verlegt, Busse und Bahnen umgeleitet, der Rathskeller geschlossen, die historische gute Stube, der Marktplatz vor dem Rathaus, ist nur mit Sonderausweis zu betreten. Das pausenlose Werkeln im Rathaus ging dieser Tage zu Ende, fünfzig Bedienstete räumten ihre Schreibtische für Giscard d’Estaing, Callaghan, Andreotti, Tindemans und die anderen Europäer, die Post installierte im Großeinsatz viele neue Außenanschlüsse und Standleitungen für England, Frankreich und den Bundeskanzler. Auf die Presseleute wartet im Haus der Bürgerschaft – zwanzig Schritte vom Rathaus entfernt – was sie brauchen: Fernschreiber, Telephone, Schreibmaschinen. Bonn zählt das meiste, ein paar hunderttausend Mark schießt Bremen zu.

Zum erstenmal in der Geschichte des Europäischen Rates geht ein EG-Gipfel auf Reisen in die Provinz. Bremen als Konferenzstadt – da argwöhnt die politische Opposition, der Sozialdemokrat Helmut Schmidt wolle den Sozialdemokraten Hans Koschnick aufwerten. Gelassen weist dieser den schnöden Verdacht zurück. Bremens Bürgermeister und Präsident des Senats Hans Koschnick erinnert an seinen Vorgänger Wilhelm Kaisen, der bereits 1948 vernehmlich von Europa sprach (und dafür Krach mit der SPD-Spitze bekam), und er selbst, sagt Koschnick, habe ja auch dies und das für Europa getan. Dann gelingt dem Bürgermeister ein eindrucksvoller Satz: „Bremen als Konferenzstadt für den Gipfel, das bedeutet: Europa ist nicht nur in den Hauptstädten, sondern überall.“

Die großen Neun sind, wenn sie ruhen, schlafen und frühstücken, einander ganz nahe: alle im Parkhotel mit dem Blick ins Grüne. Damit ihr Tun im Rathaus durch nichts gestört wird, hat die Bremer Straßenbahn AG. eigens einen Schmiertrupp engagiert, der kreischende Schienengeräusche einer Bahn, die nicht umgleitet werden kann, dämpfen soll.

In seinem Siedlerhaus in Bremen – Borgfeld versteht der 91 Jahre alte ehemalige Bürgermeister Wilhelm Kaisen die Welt von 19 78 nicht mehr ganz: „Ein bißchen viel Tamtam um Europa.“ Lilo Weinsheimer