Gott lächelt, wo die Heilsarmee lacht. (Ringelnatz)

Hamburg

Das letzte Wochenende war anders als sonst im Hamburger Stadtteil Sankt Pauli. Auf der Reeperbahn sang niemand zu Klampfen und Posaunen fröhliche Lieder vom lieben Herrn Jesus. In den Kneipen und Bordellen der sündigen Meile sammelten die blau uniformierten Soldaten kein Geld.

Die Heilsarmee hatte sich ein Wochenende Urlaub vom Kampf gegönnt, ausnahmsweise, damit die Krieger Gottes am internationalen Kongreß ihrer weltumspannenden Organisation in London teilnehmen konnten.

Die wenigen Daheimgebliebenen hatten keine Zeit zum Singen und Sammeln. Sie mußten im Missionshaus in der Talstraße 13 mehr als die üblichen Überstunden machen. Denn die tätige Liebe, die Betreuung der Verkommenen, der Säufer und Huren, der Diebe und Drogensüchtigen, kennt keinen Feiertag.

Anlaß zum Weltkongreß war ein Geburtstag. Das Dreimillionen-Heer, das sich ständig im Kampf befindet, im Kampf gegen die Sünde, gegen die Armut, die Selbstsucht und die Herzenskälte, wurde in diesen Tagen hundert Jahre alt. Gegründet hatte die Heilsarmee im Juli 1878 der Methodistenprediger William Booth im Londoner East End. Booth befand, daß der herkömmliche Gottesdienst zu triste, zu rituell und nicht tatkräftig genug sei. Spaß machen solle das Leben für den Herrn, Kirche müsse in einer entspannten Atmosphäre stattfinden. Sakramente hielt der englische Gottesmann für nicht wichtig. Was dem Seelenheil allein dienen könne, sei das gute Werk.

Gute Werke freilich sind in der Regel mit Unannehmlichkeiten verbunden. Wie kann man Menschen dennoch dafür erwärmen, fragte sich Booth. Seine Antwort war seiner Zeit gemäß: Auch das Kämpfen auf dem Schlachtfeld ist nicht gerade angenehm. Dennoch strömen junge Männer voll glühender Begeisterung zu den Fahnen, sie sehnen sich nach dem Ernstfall und geben willig ihr Leben hin. Krieg also, schloß Booth aus dieser Überlegung, macht Menschen opferbereit. Ergo entschloß sich der Gottesmann aus dem East End dazu, eine Armee zu gründen und einen Kriegszustand herbeizuführen – Krieg gegen die Sünde und das Elend in der Welt.