Von Kurt Wendt

Mit Beginn des zweiten Halbjahres haben auf den deutschen Aktienmärkten die Umsätze nicht nachgelassen. Darüber herrscht bei den Börsianern deshalb Erleichterung, weil damit deutlich wird, daß die Aufwärtsbewegung der letzten Wochen (seit Mitte Mai um etwas mehr als fünf Prozent) nicht allein auf spekulativen Füßen steht, sondern von Anlegern getragen wird, denen es weniger auf die Halbjahres-Optik als vielmehr auf einen längerfristigen Erfolg ankommt. Natürlich ist nicht auszuschließen, daß in dem einen oder anderen Papier der Kurs zum 30. Juni 1978 heraufmanipuliert worden ist. Der Regelfall war dies sicherlich nicht.

Wenn der Aktienmarkt nach einer deutlichen Ernüchterung – ausgelöst durch die Arbeitskämpfe in der Metallindustrie und den Dollarkursverfall – jetzt wieder aufwärtsstrebt, dann nicht zuletzt wegen des sich bessernden Konjunkturklimas. Zwar rechnet niemand mit einem stürmischen Aufschwung, dafür aber mit Wachstumsraten, die vorerst noch kein bremsendes Eingreifen der Notenbank erforderlich machen. Da für die Börsianer Steuersenkungen nur noch eine Frage der Zeit sind, werden ihre Auswirkungen bereits jetzt in der Kursbildung vorweggenommen.

Sorgen bereitet allein die Lage am Rentenmarkt. Der Kapitalmarktzins ist in den letzten Wochen um mehr als ein Prozent gestiegen. Die Mittel der Bundesbank, eine weitere Kapitalverteuerung zu verhindern, sind nur noch begrenzt, zumal die Zinsen im Ausland ebenfalls nach oben streben. Nach der klassischen Börsenregel müßten steigende Zinsen fallende Aktienkurse nach sich ziehen. Bisher war dies nicht der Fall.

Der Grund: Der Rentenmarkt ist auch für Großanleger nicht mehr attraktiv. Zwar liegen die Aktienrenditen auch unter Einschluß der Steuergutschriften heute im allgemeinen wieder unter den Rentenrenditen. Wenn Aktien dennoch bevorzugt werden, dann wegen der bei ihnen vermuteten Kurschancen, während es mit den Rentenkursen „nur noch nach unten gehen kann“.

Zur Wiederentdeckung der Aktie durch die institutionellen Anleger hat die Dividendenpolitik der Unternehmen wesentlich beigetragen. Nach Feststellungen der Deutschen Bank sind die Barausschüttungen insgesamt nur um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgenommen worden. Berücksichtigt man, daß zu jeder Barausschüttung eine Steuergutschrift von 9/16 der Bardividende kommt, lag bisher der Gesamtertrag der Aktien um 40 Prozent höher als 1976.

Natürlich richten sich nach Ablauf der Hauptversammlungssaison 1978 alle Blicke auf Dividendenschätzungen für das laufende Geschäftsjahr und damit: auf die Gewinnentwicklung dieses Jahres. Unsere nebenstehende Tabelle gibt darüber noch keine Hinweise. Gleichwohl kann man nach den jetzt vorliegenden Zwischenberichten davon ausgehen, daß beispielsweise die Banken ihre Dividenden von 1978 auf bisherigen Höhe halten können. Das gilt auch für die Hypothekenbanken, die 1977 weithin Spitzenerträge erzielt haben, die sich möglicherweise bei einer veränderten Zinskonstellation nicht wiederholen lassen. Von den Aktien der Geschäftsbanken sind die Papiere der Commerzbank, der BHF-Bank und der Dresdner Bank zu Renditewerten geworden. Bei einer unveränderten Dividende von 8,50 Mark und einer Steuergutschrift von 4,78 Mark bringt die Commerzbank-Aktie immer noch eine Rendite von 5,7 Prozent.