Oppositionsführer Helmut Kohl hat bei seinem Besuch in Washington seine Gastgeber beeindruckt.

Auch wenn er es nicht zeigen wollte: Senator Javits war sichtlich betreten. Der Republikaner aus New York, einer der wichtigsten Männer im Außenpolitischen Ausschuß des Senats, war nach einer Abendsitzung auf dem Capitol mit hängender Zunge in das Haus Botschafters von Staden geeilt, um den deutschen Oppositionsführer dort noch zu treffen. Doch Helmut Kohl hatte das ihm zu Ehren veranstaltete (kleine Gartenfest kurz vor dem auf den Einladungskarten diskret vermerkten Schluß schon verlassen. Dennoch traf Helmut Kohl jeden, den er sprechen wollte.

Nur Präsident Carter hatte sich Kohl ursprünglich verweigern wollen. Entgegen jeder Tradition hatte Carter die Faustregel aufgestellt, Oppositionsführer sollten nur vom Vizepräsidenten empfangen werden. Da sollte es keine Präzedenzfälle oder Ausnahmen geben, auch wenn die Führerin der britischen Konservativen, Margret Thatcher, schon eine solche Ausnahme gewesen war. Erst ein dringendes Wort von Bundesaußenminister Genscher an seinen Kollegen Vance schaffte Meinungswandel im Weißen Haus. Daß auch Bundeskanzler Schmidt für Kohl bei Carter eine Lanze gebrochen haben soll, wird hier immerhin kolportiert, und es klingt fast wie ein Gegenzug, wenn von zuständiger Seite jetzt versichert wird, der mit so vielen großen Dingen beschäftigte amerikanische Präsident habe die Begegnung mit Kohl selbstverständlich nicht im Lichte künftiger Wahlkämpfe oder gar bundesdeutscher Landtagswahlen gesehen.

Präsident Carter, Außenminister Vance, der Abrüstungsbevollmächtigte Warnke, die Minister Schlesinger (Energie), Blumenthal (Finanzen) und Brown (Verteidigung) – sie alle waren nach den in einer Nachlese gesammelten Informationen positiv beeindruckt, daß Kohl Themen und polemische Töne aus der deutschen Innenpolitik sorgfältig vermied. Auch daß er im Gegensatz zu manchen anderen Besuchern aus Bonn keine belehrenden Allüren habe, sei als wohltuend empfunden worden. Der Mann könne zuhören. Vor allem – so hieß es aus dem Umkreis der Fachminister –: Er habe sich vorzüglich auf die Gespräche vorbereitet. Seine Fragen seien sachkundig und gezielt gewesen, in Sachen Nuklearenergie genauso wie auf dem Felde der Außen- und Sicherheitspolitik, so daß er in richtiger Einschätzung seiner Besucherrolle als Oppositionsführer die ihm gebotenen Informationsmöglichkeiten voll ausgeschöpft habe. Mit Vance hat Kohl eine volle Stunde verbracht. Mag die Hälfte der Zeit auch auf die Übersetzung entfallen sein, der Rest reicht noch immer zum Beweis, ob einer, wie man hier sagt, „seine Schularbeiten gemacht hat“.

Der langjährige Innenpolitiker Kohl hatte das: Die Dynamik eines Helmut Schmidt oder die listige Angriffslust eines Franz Josef Strauß hatte niemand von ihm erwartet, und für einen entspannten Umgang mit Amerikanern im kleinen Kreise hatte er gemessen an seinen ersten Auftritten in Washington ganz offenkundige Fortschritte gemacht. Kohls Problem bleibe wohl, so haben sich Regierungsbeamte vor allem von Journalisten informieren lassen, die größere Öffentlichkeit.

War dieser Washington-Besuch dennoch ein persönlicher Erfolg für Helmut Kohl? „Ja, auch“, antwortet nachdenklich ein Gewährsmann, der nicht genannt sein will, „mehr aber noch ein Erfolg für die demokratische Zuverlässigkeit der Bundesrepublik.“

Ulrich Schiller (Washington)