Von Gabriele Venzky

Sichtlich beeindruckt von seiner Afrika-Reise resümierte der Bundeskanzler: "Die Lage in Rhodesien ist explosiv." Sie ist es in der Tat. Aber auch in Namibia, dem zweiten Krisenherd im südlichen Afrika ist die Situation mehr als heikel.

Hier wie dort haben sich die Bemühungen um eine friedliche Beilegung des Rassenkonflikts festgefahren. Westliche Vermittlungsversuche sind bisher ohne Erfolg geblieben. Die "internen Lösungen" für Namibia und Rhodesien haben sich als untauglich erwiesen. Mehr noch: Sie haben die Fronten verhärtet. Die Zeichen stehen, auf Sturm. Auch neue Ost-West-Zusammenstöße zeichnen sich ab.

Sechs Monate sind es noch bis zum 31. Dezember, an dem beide Staaten unabhängig werden sollen. Doch die Zweifel wachsen, ob dieser Termin überhaupt eingehalten werden kann. Zu viel Zeit ist vergeudet worden mit spitzfindigen Palavern. Zur Vorbereitung des Übergangs in die neue, unabhängige Phase ist wenig geschehen. So wächst die Gefahr, daß Rhodesien vor Jahresende schon in Bürgerkrieg und Chaos versinkt. Auch in Namibia wird ein friedlicher Übergang in die Unabhängigkeit immer unwahrscheinlicher. In beiden Ländern entwickelt sich alles auf die bewaffnete Austragung des Konflikts hin.

Dabei hatten sich die Bemühungen um eine vernünftige Regelung in Namibia zunächst recht gut angelassen. Auf heftigen Druck der fünf. westlichen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats hatte Pretoria vor einem halben Jahr darauf verzichtet, seine eigene Apartheid-Politik auch in dem Mandatsgebiet durchzusetzen. Statt dessen ließen die Südafrikaner es zu, daß die sogenannte Turnhallen-Versammlung, die eben ein solches Apartheidskonzept ausarbeiten sollte, sich zu einer eigenständigen und gemischtrassigen Partei weiterentwickelte, der sogenannten "Demokratischen Turnhallen Allianz". Immerhin bot ihnen diese Allianz die Gewähr, auch nach der Unabhängigkeit die engen Bande zu bewahren.

Die Swapo dagegen, die moskauorientierte südwestafrikanische Befreiungsbewegung, lehnte es ab, sich an einer ethnisch ausgewogenen föderativen Bewegung zu beteiligen. Sam Nujoma, der Chef der Swapo, machte kein Hehl daraus, daß für ihn nichts anderes in Frage kam als die gesamte Macht-

Hier setzte der Plan der westlichen Fünf an. Sie schlugen vor, einen Konsens aller Parteien zustande zu bringen, damit unter UN-Überwachung allgemeine freie Wahlen stattfinden konnten, unter Einschluß der Swapo. Das Ziel war eine gemischtrassige Mehrheitsregierung für die 900 000 Einwohner des Territoriums, das dreimal so groß ist wie die Bundesrepublik (Weiße: 96 000). Vorbedingung war ein Waffenstillstand und ein Teilabzug der südafrikanischen Streitkräfte. Augenblicklich sind etwa 20 000 Mann in Namibia stationiert, später sollen es 1500 sein.