Bisher haben mich Talkshows nie interessiert: die einfältigen („Das ist Ihr Leben“) überhaupt nicht, die etwas mehrfältigen („Je später der Abend“) auch nicht besonders. Kaum einmal haben die Bemühungen der deutschen Fernsehanstalten, bedeutende Menschen „ganz privat“ zu zeigen, die Bezirke des Halbseidenen, die Nähe zu Tratsch und Kaffeeklatsch und Bunten Blättern verlassen. Kaum einmal wurden diese persönlichen Gespräche wirklich persönlich, ihre Offenheit blieb eine Schein-Offenheit: denn gerade die Prominenten, gebeten, ganz schutzlos von sich selbst zu reden, sind glänzend darauf trainiert, rhetorische Schutzmaßnahmen zu ergreifen – jeder von ihnen verfügt über ein Repertoire von scheinbar radikalen, bekennerischen, enthüllenden Selbstaussagen, die er bei jeder Gelegenheit (und jedesmal natürlich zum erstenmal) öffentlich preisgibt. Wenn die Herrschaften ganz offen reden, verschweigen sie am allerbesten. Das Schauspiel der Ehrlichkeit: eine Komödie der Eitelkeit.

Die deutschen Talkmaster haben es bisher nicht verstanden, die Verteidigungstechniken ihrer Gesprächspartner zu durchkreuzen. Die einen (wie der wahrhaft unsägliche Carlheinz Hollmann) deshalb nicht, weil ihr Berufsverständnis eher das des Kammerdieners ist als das des Journalisten; weil es ihr größtes Glück ist, seine Majestät, den Star, untertänig zu hofieren. Die anderen (wie der leider unfehlbar eloquente Reinhard Münchenhagen) aus genau den entgegengesetzten Gründen: weil sie sich ständig zu den bekannten „respektlosen“ Fragen verpflichtet fühlen, auf die ihre Gesprächspartner im Normalfall bestens präpariert sind. Beflissen der eine, keß der andere, schnulzig der eine, schnoddrig der andere: neugierig auf ihre Partner, zum Zuhören bereit sind beide nicht, der Huldigungsjournalist sowenig wie der Enthüllungsjournalist.

Daß man sich auch ganz anders öffentlich unterhalten kann, haben jetzt ausgerechnet vier Literaten und ein Literaturredakteur bewiesen: Beim Hamburger „Literatrubel“ lasen Gabriele Wohmann, Martin Walser, Dorothee Sölle und Horst-Eberhard Richter aus ihren neuen Büchern, disputierten mit dem Moderator Dieter Zilligen und mit dem Publikum in der Hamburger Markthalle – das Fernsehen zeichnete den Abend auf, sendete Ausschnitte am letzten Sonntag. Ein Glücksfall, bei dem das Glück mitgeholfen hat: weil hier fünf voneinander sehr verschiedene und dennoch untereinander gesprächsfähige Leute zusammentrafen.

Doch es gibt auch tiefere Gründe, warum sich diese Literaten-Talkshow so sehr von der üblichen Prominenten-Talkshow unterschied. Der wichtigste: Es wurde über Bücher gesprochen, über Arbeit also, nicht über sogenanntes Privates. Doch gerade weil die Autoren nicht mit devoter oder aggressiver Zudringlichkeit genötigt wurden, persönlich zu werden, gaben sie sehr Persönliches preis. Ob die unerbittlich melancholische Gabriele Wohmann ihren Schrecken über fanatisierte deutsche Kleinbürger formulierte („ganz glücklich waren die“ – nach den Selbstmorden von Stammheim), ob Frau Sölle und Martin Walser über „emotional verkrüppelte Männer“ stritten und darüber, ob Gott männlich oder weiblich oder überhaupt nicht ist, oder ob Horst-Eberhard Richter ganz unpathetisch für bessere, zartere Umgangsformen plädierte: Stets erfuhr man etwas über die Bücher und die Büchermacher zugleich. Ein intelligenter Satz, so zeigte sich, ist größere Enthüllung und besseres Entertainment als alle intimen Plaudereien. Und der Zuschauer, bei Talkshows sonst nur ein trüber Voyeur, konnte das Zuschauen und Zuhören lernen. Benjamin Henrichs