Die Bayern hatten immer eine kleine Schwäche für großen Prunk. Und sie schätzten die Prinzregenten, Kurfürsten und Könige, die ihnen – auf Steuerkosten – zeigten, wie man prachtvoll Staat hält. Der verschwendungssüchtigste von allen Herrschern war ihnen sogar am liebsten: noch heute genießt der „Märchenkönig“ Ludwig II., der für Unsummen Rennomierschlösser in die Landschaft setzte, legendäre Verehrung.

Münchens neuer Oberbürgermeister hat die besten Aussichten von seinen Bürgern ähnlich geliebt zu werden. Denn er beweist wieder die lang entbehrte Begabung, eine Freistaats-Hauptstadt gebührend zu repräsentieren. Erfolgreich wandelt er auf den Spuren vergangener Pomp-Potentaten. Schon in den ersten fünfzig Tagen seiner kommunalpolitischen Herrschaft zwang Erich Kiesl das triste Grau jahrzehntelanger Sozi-Legislaturperioden aus dem Rathaus ’raus und Chippendale ’rein. „Mir san doch keine kleine Gemeinde von Hinterpfuideifi“, begründete der CSU-Mann die Tempelreinigung.

Eine Million steckte Kiesl in die Renovierung der „Chefetage“, weil ihn der Anblick „des alten Plunders“ schon beim Amtsantritt gegraust hatte. Großzügig behielt der Feudalherr auch für seine Rathausmannschaft die Spendierhosen an. Die CSU bekam eine prächtige Sitzungs-Residence. Man müsse in einer Millionenstadt doch einen gewissen Stil entfalten, belehrte der Oberbürgermeister aus Niederbayern krittelnde Pfennigfuchser, „...wo doch jede Woche drei Botschafter und Minister im Rathaus aufkreuzen.“

Neuen Stil entfaltete Erich Kiesl auch im personellen Bereich. Für seine Gemahlin Edigna schuf er per „dringliche Anordnung“ (wie sie die Gemeindeordnung unter anderem für Naturkatastrophen vorsieht) eine Planstelle für eine persönliche Referentin. Veronika. Bauer, Beamtin aus dem früheren Kiesischen Tätigkeitsbereich, dem Innenministerium, soll der Mutter von fünf Kindern beim Repräsentieren behilflich sein. An repräsentationslosen Tagen steht sie dem Oberbürgermeister-Sekretariat zur Verfügung.

„Braucht eigentlich eine Frau Oberbürgermeister eine Hofdame?“ fragten daraufhin verstört einige Bürger in Leserbriefen ihre Lokalzeitung und meinten, die Vorgängerinnen der SPD-Epoche hätten ihre Gratulationsbesuche und Besucher-Empfänge ja auch ohne Hofstaat absolviert. „Nur gelegentlich wurde ein kräftiger Mann vom OB-Büro zum Tragen des Geschenkkorbes abgestellt“, erinnert sich der letzte SPD-Stadtvater Georg Kronawitter. Und auch andere bundesdeutsche OB-Gattinnen kommen ohne Privatsekretärin aus, ergab eine schnelle Umfrage. Lokalpatriotisch gestimmte Bürger trösten sich seitdem damit, daß München auf diesem Hofdamen-Sektor immerhin publicityträchtige Maßstäbe setzt. Man ist, scheint’s, durchaus bereit, neben einem Kaiser Franz Beckenbauer und einem Kaiser Franz-Josef Strauß auch noch einen King Kiesl zu akzeptieren.

Weit schmerzlicher trifft die Welle der Gehaltserhöhungen den Nerv der Münchner. Daß Erich Kiesl gleich in den ersten Wochen seiner Rathausregen schaft die Bürgermeistergehälter um 1400 Mark aufstockte und zufrieden verfolgte, wie sich die Stadträte im Eilverfahren ihre Diäten um 60 Prozent erhöhten, machte einige Steuerzahler doch nachdenklich. Sie trösteten sich schließlich damit, daß die Ratsherrschaft sich dem teuren Stil künftig auch äußerlich würdig erweisen muß: King Kiesl brachte in der letzten Woche seinem Kabinett bei, daß man sich der Ehre des Amtes und des hohen (Rat-) Hauses entsprechend zu kleiden habe. Krawattenmuffel und Jackettverächter riskieren, vom Rednerpult gescheucht zu werden.

In diesen neuen Stilrahmen Münchner Kommunalpolitik paßt auch die Entscheidung des neuen Oberbürgermeisters, die heilige Tradition des Anzapfens beim Oktoberfest zu brechen. „Des ham früher die Schankkellner gemacht“, lautete die Ansicht des Prunk-Politikers. Anstelle eines bierzapfenden Bürgermeisters verspricht er seinen Untertanen eine internationale Filmmesse in München. Und eventuell auch eine zweite Olympiade.