Von Hermann Glaser

Nach einem Wort von Novalis ist das Chaos produktiv; nicht passive Anpassung ans Vorgegebene, sondern eingreifendes Gestalten des „Fließenden“ setzt schöpferische Kräfte in Bewegung. Sinnvolle Ordnung muß sich dabei stets selber transzendieren können; insofern steckt in ihr immer ein Stück Anarchie. Nicht nur zum romantischen, auch zum klassischen Ordnungs- und Gesetzesbegriff gehört solche „heuristische Unvollkommenheit“. Erst der Klassizismus verpönt die „Abweichung“ von der Norm; er verabscheut jede Irregularität. Außengesteuertes Bildungsbürgertum, weltanschaulich verunsichert, empfindet tiefe Angst vor dem Chaos, weil es den eigenen formenden Kräften nicht zu vertrauen vermag; es klammert sich an starre, autoritär festgelegte Ordnungsmuster (an law and order). Das Klassische, meinte Julius Langbehn 1890 im „Rembrandt als Erzeiher“, sei dem Preußischen und damit dem Parademäßigen verwandt. „Der Liniensoldat hat seinen Namen von den großen und einheitlichen Linien, in welche sich die Truppen unter normalen Verhältnissen formieren; das klassische Kunstwerk führt seinen Namen mit Recht, wenn es seinen individuellen Charakter zur großen einheitlichen Linienführung, in materieller und geistiger Hinsicht, erweitert.“

Das Buch von

Joachim Schumacher: Die Angst vor dem Chaos. Über die falsche Apokalypse des Bürgertums; Syndikat Verlag, Frankfurt am Main 1978; 378 Seiten, 20,– DM

wurde um 1936 geschrieben, 1974 wiederentdeckt; es liegt nun als „Reprise“-Text vor. In Form eines weitgesteckten, gleichermaßen philosophischen wie soziologischen Traktats spürt der Verfasser der Idee wie der Ideologie des Chaos, seiner Realität wie dem „Verfall des Verfalls“ nach. In einem Brief, der Neuausgabe vorangestellt (Prag, 6. Oktober 1936), stellte Ernst Bloch fest, daß er noch nie eine Arbeit gelesen habe, die „so summarisch wäre im schönsten und fruchtbarsten Sinne, so wenig ohne jeden bedenklichen Beiklang des Wortes. Unvergeßliche Bilder darin oft so elektrisch, daß man zusammenzuckt“.

Allerdings mag mancher, auch wenn er keineswegs an Berührungsangst gegenüber originellen Provokationen leidet, irritiert zusammenzucken – angesichts des „unvermittelt Subjektiven“ dieses Buches. Barocke Metaphernflut erschlägt nicht selten die Genauigkeit des Gedankengangs. „Angst malt Chaos schwarz, Rachsucht malt es blutig. So malt es der ‚Führer‘. Der stiert schwarz auf des Feindes Rot, und Schwarz stiert auf ihn zurück.“

Dennoch: Die gezeigte „Pranke“ läßt durchaus auf einen „Löwen“ schließen, auch wenn der Autor, der das Buch in der Emigration „in einem winzigen Zimmer eines kleinen Hotels in St-Tropez“ schrieb, später auf diesem Gebiet nichts mehr veröffentlichte. Im Nachhinein versucht Schumacher, der seit 1937 in Amerika Kunstgeschichte und Philosophie lehrt, seine Arbeit zu kommentieren und teilweise auch zu relativieren; Vorwort und Nachwort 1936 erhielten Nachträge 1972, mit einem „PS zum Nachtrag, des Nachworts“ 1978; außerdem sind häufig den einzelnen Kapiteln fettgedruckte. .„Erläuterungen“ aus jetziger Sicht angehängt. Ein respektabler Wurf wird jedoch nicht überzeugender, wenn man ihn nachträglich zerhackt.