Ein Gesetz soll Ordnung in das Chaos der privaten Rundfunk- und Fernsehsender bringen

Zur Geisterstunde dreht Italiens Männerwelt am Fernsehknopf. Auf der Mattscheibe zeigen sich da die verschleierten Frauen. Allerdings lassen sie recht bald ihre Hüllen fallen und zeigen ganz ungeniert, daß sie vor allem aus recht viel Körper bestehen. Daß die Enthüllungen teils recht ungelenk vor sich gehen, ist nur natürlich: Italiens private Fernsehsender, die solcherart das Interesse des Publikums auf sich ziehen, sind dermaßen zahlreich, daß sie mit professionellen Entkleiderinnen nicht, auskommen. Außerdem sollen die Programme auch volkstümlich sein.

Angenehmes mit Nützlichem zu verbinden, weiß etwa ein Pelzwarenhändler in Turin. In der Fernsehabendschau seines Senders üben sich Hausfrauen nach dem Motto „Hier kann jede“ im Ausziehen. Den Pelz, den sie als letzte Hülle fallenlassen, dürfen sie als „Honorar“ behalten. Professionelle Stripperinnen, die solche naiven Darbietungen als Schmutzkonkurrenz und Geschäftsschädigung ansehen, erhoben bereits Klage. Auch zückten Staatsanwaltschaft und Gericht auf eigene Initiative hin bereits hier und da Lupe und Zollstock, um dem mitternächtlichen Wellentreiben wenigstens einen moralischen Notdeich entgegenzusetzen.

Seitdem das italienische Verfassungsgericht im Juli 1974 entschied, daß zur Ausübung der freien Meinung auch private Rundfunk- und Fernsehsender zuzulassen sind, schießen auf der Halbinsel überall Sendemasten in die Höhe. Man schätzt die Zahl der privaten Fernsehsender derzeit auf 400. Eigene Hörprogramme hat inzwischen jedes Provinznest. Unter den privaten Fernsehsendern (allein in Rom gibt es deren 25) haben jedoch nur wenige Dutzend eine Reichweite von mehr als dreißig Kilometern; und die Stationen mit einem professionellen Programm und entsprechend technisch qualifizierten Einrichtungen kann man an den Fingern zweier Hände abzählen.

Amateure und politische Gruppen, Geschäftsleute und Interessenverbände stürzen sich auf das neue Medium. Bei Straßenschlachten in Rom und Bologna gaben linksextreme Sender ihren Hörern sogar die Bewegungen der Polizeieinheiten durch. Gegen solchen und ähnlichen Mißbrauch der neuen Ätherfreiheit wird ermittelt. Auch entsteht durch undisziplinierte Technik hier und da ein Wellensalat, der nicht nur Polizeifunk und militärischen Nachrichtendienst empfindlich stört, sondern zuweilen auch die drei „offiziellen“ Programme der zum staatlichen IRI-Konzern gehörenden Anstalt RAI (Radiotelevisone Italiana) belästigt. Allerdings sind die Behörden in dieser Hinsicht rigoros: Wer stört, wird unnachsichtig zum Schweigen gebracht.

Da die privaten Sender indessen nicht nur das Entscheidungsspiel der Mannschaften von Binate gegen Tonino und den Streik in der Salamifabrik übertragen, sondern auch eine Menge Werbung in den Äther funken, wurden Presse und RAI unruhig. Schließlich befaßte sich ein Regierungsausschuß mit der heiklen Materie.

Ende Juni kam ein Gesetzentwurf zustande, der die Funk- und Fernsehtätigkeit regulieren wird, sofern die beiden Kammern zustimmen. Mindestanforderungen sollen sicherstellen, daß nicht jeder wild drauflos senden kann, der die 30 000 Mark Mindestkosten für eine Fernsehstation aufgebracht hat. Täglich mindestens drei Programmstunden oder wöchentlich mindestens 24 Programmstunden müssen gesendet werden. Von diesen Sendungen muß mindestens die Hälfte eigene. Produktion sein. Die Werbung darf höchstens ein Zehntel der Sendezeit ausmachen. Der Entwurf enthält auch die Vorschrift, daß die privaten Hör- und Fernsehsender in bestimmten Sendungen die Mitteilungen der Gemeinden sowie der Provinzial- und Regionalverwaltungen übertragen müssen, in deren Bereich ihr Standort fällt.